Influencerin überfährt Mann im Livestream und will daraus auch noch Kapital schlagen

Weil sie lieber einen Streit im Stream schlichtete, als auf die Straße zu achten, musste ein Passant sterben.

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Vom filterüberladenen Selfie zum unbeschönigten Polizeifoto nach nur einer Autofahrt. | © Ty Nesha / Zion Police Department

In der Vergangenheit kritisierten wir schon mehrfach Streamer, die ihre Autofahrten live ins Internet übertrugen und dabei ihrer Community mehr Aufmerksamkeit schenkten als dem Straßenverkehr. In der Regel ging es dabei jedoch eher darum, davor zu warnen, dass wenn solches Verhalten zunimmt, früher oder später jemand zu Schaden kommen könnte. Im Fall der Influencerin Tynesha McCarty-Wroten ist dies aber nun passiert und – was besonders perfide erscheint – wird von ihr monetär ausgenutzt.

Influencerin überfährt Mann im Livestream

McCarty-Wroten versucht sich unter dem Namen Ty Nesha gefühlt in allem, was das Internet hergibt, um irgendwie Profit daraus zu schlagen. Sie streamt, singt, schreibt Kinderbücher – alles, um irgendwie an Geld zukommen. Angeblich tut sie das vor allem, weil die 43 der Vormund ihres 8-jährigen Enkels ist und für ihn sorgen will, Kritiker behaupten jedoch, dass es ihr vor allem darum gegangen war, reich und vor allem berühmt zu werden.

Früher war die Influencerin als Erzieherin in einem Kindergarten tätig, entschied sich nach einem Jahr jedoch dafür, lieber dem Internet-Kindergarten beizutreten und gab diversen Rosenkriegen und anderen Netzstreitereien eine Plattform, in dem sie die Streithähne zu sich in den Stream einlud und als selbsternannte “Richterin” Urteile darüber fällte, wer dabei nun letztlich recht habe.

Eine dieser Stream-Anhörungen führte nun jedoch zu einem realen Prozess, in welchem Ty Nesha wegen fahrlässiger Tötung angeklagt wurde.

8-jähriger sitzt während Todesfahrt im Auto

Während die meisten Streamer eigene Studios haben, in welchen sie live gehen, streamed die 43-jährige von überall, zuletzt eben auch aus ihrem Auto. Dass sie dabei lieber auf den Chat und ihre Gesprächspartner als auf den Verkehr achtete, endete mehr als tragisch, als sie am 3. November während eines Livestreams den 59-jährigen Darren Lucas auf dessen Heimweg in Zion in Illinois mit ihrem Wagen erfasste.

Für die Zuschauer ihres Streams wirkte das ganze mehr als skurril: Die Streamerin hatte ihren Hintergrund mit einer Grafik ersetzt, um zu verschleiern, dass sie fuhr während sie live war, konnte dies aber nicht verschleiern, als ein dumpfer Aufprall zu hören war, McCarty-Wroten fluchte und dann flüsterte "ich habe jemanden erwischt", als ihr 8-jähriger Enkel, der erschreckenderweise mit ihr im Auto saß, aufgelöst fragte, was eben passiert sei.

Zwar brach sie den Stream daraufhin sofort ab, Clips der Situation verbreiteten sich dennoch in Windeseile, während ihr Opfer ins Krankenhaus gebracht wurde und dort verstarb.

Der Polizei vor Ort erzählte die Influencerin, dass sie grün gehabt hätte und den Mann in der Dunkelheit nicht gesehen habe, verweigerte den Beamten allerdings einen Blick in ihr Handy – vermutlich weil sie befürchtete, diese könnten den berechtigten Verdacht haben, dass sie ihr Opfer nicht bemerkt hatte, weil sie mit ihrem Telefon beschäftigt war.

Polizei bekommt Clips des Vorfalls zugesendet

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Clips vom Moment als der Influencerin klar wird, sie habe gerade jemanden überfahren, verbreiteten sich schnell. | © Ty Nesha / TikTok

In den Folgetagen wurden die Ermittler von diversen Usern kontaktiert, die sie mit Clips des Vorfalls versorgten, woraufhin schnell klar wurde, dass Ty Nesha den Unfall verursacht hatte, weil sie während der Fahrt gestreamt hatte.

Der Haftbefehl, der daraus resultierte, führte dazu, dass die Beamten kurz darauf bei der Influencerin zuhause auftauchten, wo diese gerade beschäftigt war, große Reisetaschen in ihr Auto zu packen. Zwar behauptete sie, dass es nicht ihre Absicht war, zu flüchten, für die Polizisten schien der Fall jedoch recht eindeutig, weswegen sie umgehend in Untersuchungshaft kam.

Vor Gericht versuchte ihr Anwalt zu Bedenken zu geben, dass es zwar eine Tragödie war, dass jemand dadurch zu Tode kam, weil seine Mandantin von ihrem digitalen Kommunikationsgerät abgelenkt war, die Behauptung der Polizei, sie wäre dabei über eine rote Ampel gefahren, die Situation drastischer darstellen würde, als sie es eigentlich war. Für ihn schien es besonders wichtig zu sein, dass es dabei eher um eine Unachtsamkeit, als um Rücksichtslosigkeit ging.

Bis zur Urteilsverkündung am 27. Januar wurde Tynesha McCarty-Wroten auf freien Fuß gesetzt – was diese nun dafür nutzt, um aus dem Fall Profit zu schlagen.

Nach fahrlässiger Tötung bittet Streamerin um Spenden

Noch während die Polizei ermittelte, bat sie ihre Follower um Spenden, da sie für einige Zeit eine "Mentale Pause" einlegen wollen würde, in welcher sie kein Geld auf TikTok verdienen könnte und machte zeitgleich Werbung für ein Musikalbum, welches sie kurz darauf veröffentlichen wollte, sowie diverse Kinderbücher und Ratgeber, die sie angeblich geschrieben hatte.

Nicht nur Kritiker, sondern auch Teile ihrer eigenen Community verwiesen auf die Geschmack- und Pietätlosigkeit hin, die dem allen zu Grunde liegt und sie mit der neugewonnenen Aufmerksamkeit noch Geld verdienen wolle, ohne auch nur ein Wort der Trauer oder der Empathie an die Familie des Getöteten zu richten.

Problematische Priorisierung

Der Fall zeigt jedoch noch ein weit größeres Problem auf: Was früher eine bewusste, geplante Tätigkeit war, ist heute für viele Menschen ein permanenter Zustand: online sein, senden, reagieren, performen. Livestreaming wird nicht mehr als etwas Besonderes wahrgenommen, sondern als selbstverständlicher Teil des Alltags – beim Essen, Autofahren, Arbeiten oder sogar in emotionalen Ausnahmesituationen.

Das Problem ist nicht die Technologie selbst, sondern die fehlende Priorisierung. Wer streamt, steht unter einem permanenten Druck zur Interaktion. Kommentare, Spenden, Zuschauerzahlen – all das konkurriert direkt mit der realen Umgebung um Aufmerksamkeit. In Situationen, die volle Konzentration erfordern – etwa im Straßenverkehr – wird diese Ablenkung lebensgefährlich.

Der Fall McCarty-Wroten zeigt, wie sich Fahrlässigkeit schleichend normalisiert. Nicht, weil Menschen aktiv Böses wollen, sondern weil sie sich daran gewöhnt haben, alles gleichzeitig zu tun. Fahren, reden, reagieren, performen. Die Illusion von Multitasking verdrängt die Realität menschlicher Grenzen.

Besonders problematisch ist dabei die Verschiebung von Verantwortung: Nicht selten wird im Nachhinein von "Unglück" oder "Überforderung" gesprochen – Begriffe, die verschleiern, dass hier bewusste Entscheidungen getroffen wurden. Niemand muss live gehen. Niemand muss reagieren. Aber viele tun es, weil digitale Aufmerksamkeit inzwischen als soziale und wirtschaftliche Währung gilt.

Daniel Fersch

Daniel schreibt über so ziemliches alles, was mit Games, Serien oder Filmen und (leider) auch fragwürdigen Streamern zu tun hat – insbesondere, wenn es dabei um Nintendo, Dragon Ball, Pokémon oder Marvel geht....