Das Versagen der deutschen Kinos: 10 Filme, die es in Deutschland nicht auf die große Leinwand geschafft haben
Intro
Über Filme lässt sich bekanntlich streiten: Da sagt man einmal, dass Twilight der eigene Lieblingsfilm ist und man die Herr der Ringe-Trilogie aber nie komplett gesehen hat, und schon ist man als Kulturbanause gebrandmarkt. Andere Filme erfreuen sich jedoch einer so großen Beliebtheit, dass man sich nur an den Kopf fassen kann, wenn man bedenkt, dass sie es in Deutschland nie in die Kinos geschafft haben – und genau diesen Filmen wollen wir uns heute widmen. Einige von ihnen sind nur über DVDs mit deutschen Untertiteln erhältlich, andere gingen in Deutschland immerhin über Streamingservices an den Start, aber eins haben sie alle gemeinsam: unfairerweise landeten sie bei uns (im Gegensatz zu anderen Ländern) nie auf der großen Leinwand, obwohl sie es verdient hätten. | © Paramount
Auslöschung (2018)
Eine Biologin (Natalie Portman) schließt sich einer Expedition in die „Shimmer“-Zone an, wo Naturgesetze zu zerfließen scheinen und die Teammitglieder psychisch wie körperlich an Grenzen geraten. Kritisch wurde der Film häufig als ambitionierter, verstörender Sci-Fi gelobt – zugleich gilt er als „zu kompliziert“ fürs breite Publikum. In den USA kam er 2018 regulär ins Kino, international lief er kurz danach direkt bei Netflix – so auch bei uns in Deutschland. Als Grund wird ein schlecht aufgenommenes Testscreening und die Sorge genannt, der Film sei „zu intellektuell/kompliziert“, woraufhin Paramount einen Netflix-Deal für die internationalen Territorien schloss. | © Paramount
Beasts of No Nation (2015)
Der Film folgt dem Jungen Agu, der im Bürgerkrieg in Westafrika zum Kindersoldaten wird; Idris Elba spielt den charismatisch-bedrohlichen Kommandanten. Kritiker lobten die Wucht und Elbas Spiel, die Veröffentlichung war aber auch industriepolitisch ein Statement: Netflix brachte den Film gleichzeitig in wenigen Kinos und auf Netflix heraus, was in den USA zu Boykotten großer Kinoketten führte. In Deutschland ist der Film gar nicht erst in den Kinos an den Start gegangen, sondern direkt auf den heimischen Bildschirmen. | © Netflix
CODA (2021)
Ruby ist das einzige hörende Kind gehörloser Eltern und steht zwischen familiärer Verantwortung (Fischerei-Betrieb) und ihrem Talent fürs Singen. Der Film wurde zum Publikums- und Preisliebling (u. a. Oscars) und erhielt überwiegend sehr positive Kritiken; zugleich gab es auch Debatten über Repräsentation, insbesondere aus Gehörlosen-Kreisen. International gab es zumindest in den USA einen Kinostart, parallel ist er ein Apple-TV+-Titel. In Deutschland wurde vielfach kritisiert, dass „CODA“ nicht in deutschen Kinos keinerlei Präsenz hatte und stattdessen über Apple TV+ ausgewertet wurde. Als Hauptgrund gilt: Apple priorisiert die Streamingverwertung. | © AppleTV
Saltburn (2023)
Ein Außenseiter an Oxford (Barry Keoghan) wird vom reichen Kommilitonen Felix (Jacob Elordi) auf das Familienanwesen „Saltburn“ eingeladen – und die Sommeridylle kippt in Obsession, Klassenfantasie und Provokation. Der Film spaltet Publikum und Kritik: Viel Lob für Stil, Kamera, Performances – aber ebenso Vorwürfe von reiner Schock-Ästhetik (teils „Fremdscham“-Debatte). Im Vereinigten Königreich lief der Film 2023 in den Kinos an, in den USA zunächst limitiert und dann breiter, bevor er Ende 2023 zu Prime Video ging – in Deutschland ging es direkt dorthin. Als naheliegender Grund wird eine Vertriebsentscheidung zugunsten eines schnellen Streaming-Starts gesehen. Aber hey, vielleicht ist es gar nicht so verkehrt, die ein oder andere Saltburn-Szene eben nicht auf einem möglichst großen Bildschirm zu sehen. | © Warner Bros.
Love and Monsters (2020)
Sieben Jahre nach einer Monsterapokalypse verlässt Joel seinen Bunker, um zu seiner Jugendliebe zu gelangen – eine Road-Trip-Abenteuerkomödie mit Kreaturen-Action und viel Charme. Der Film wurde gerade für Ton/Monsterdesign und den „Spaßfaktor“ oft positiv aufgenommen; zugleich ist er eher „Publikumsfilm“ als Kritikerdenkmal. In den USA lief er als Hybrid: PVOD plus ausgewählte Kinos (und spielte nur in wenigen hundert Kinos). International sicherte sich Netflix die Rechte; in Deutschland kam er nicht ins Kino, sondern direkt zu Netflix. Als Grund: der Strategiewechsel von geplantem Kinostart hin zu PVOD/Streaming. Außerdem kamen gerade 2020 "Apokalypsen-Filme" zu einem denkbar schlechten Zeitpunkt. | © Netflix
Ferrari (2023)
Michael Mann erzählt Enzo Ferrari im Krisensommer 1957: drohender Bankrott, familiäre Spannungen, und als riskanter Befreiungsschlag das Rennen Mille Miglia. Kritisch wurde viel über Manns Stil, die Intensität und Adam Drivers Darstellung diskutiert; die Aufnahme ist respektvoll bis begeistert, aber nicht einhellig. International lief „Ferrari“ im Kino (u. a. USA/Kanada ab Weihnachten 2023, die Festivalpremiere war jedoch zuvor in Venedig). In Deutschland landete er statt im Kino direkt bei Prime Video. | © Neon
Was wir wollten (2020)
Ein Paar (Lavinia Wilson, Elyas M’Barek) versucht im Sardinien-Urlaub die Beziehung zu retten, während der unerfüllte Kinderwunsch alles überschattet; die Begegnung mit einer weiteren Familie wirkt wie ein Katalysator. Kritiken waren überwiegend wohlwollend (solides Drama, starke Darstellungen), auch wenn es kein Riesengesprächsstoff wurde. Geplant war eine Österreich-Premiere im Herbst 2020, doch wegen Covid-Schließungen kam der Film außerhalb Österreichs im November 2020 direkt auf Netflix; in Deutschland lief er gar nicht im Kino, ausdrücklich „pandemiebedingt“. In Österreich gab es später doch noch einen Kinostart (2021). | © Netflix
Jeanne Dielman, 23 quai du Commerce, 1080 Bruxelles (1975)
Chantal Akerman zeigt drei Tage im Leben einer Witwe (Delphine Seyrig): Haushalt, Kochen, Routinen – und darunter eine wachsende, kaum sichtbare Erschütterung. Der Film ist berühmt für seine radikale Zeitlichkeit („slow cinema“) und gilt heute als feministischer Meilenstein; anfangs polarisierte er stark. Er lief in Cannes (1975) und kam 1976 in Frankreich ins Kino, eine US-Kinoveröffentlichung erfolgte erst 1983. Nach Deutschland hat der Film es gar nicht geschafft, vermutlich aus Gründen der Länge, der radikalen Form, und schlichtweg fehlenden Interesses der Verleihe. Geradezu kriminell, wenn man bedenkt, wie hochgelobt der Streifen ist und wie viele Kunstschaffende er maßgeblich geprägt hat. | © Olympic Films
The Trial of the Chicago 7 (2020)
Aaron Sorkins Gerichtsdrama erzählt die wahre Geschichte der sogenannten „Chicago Seven“, einer Gruppe von Aktivisten, die nach Protesten während der Demokratischen Parteikonvention 1968 wegen Verschwörung angeklagt wurden. Der Film folgt dem spektakulären Gerichtsprozess, der schnell zu einem politischen Schauplatz über Bürgerrechte, Polizeigewalt und die amerikanische Gesellschaft wird. Kritiker lobten besonders Sorkins scharfes Drehbuch und die Ensemblebesetzung mit Sacha Baron Cohen, Eddie Redmayne und Mark Rylance. Der Film erhielt mehrere Oscar-Nominierungen und gilt als eines der erfolgreicheren politischen Dramen der letzten Jahre. International hatte er zunächst eine limitierte Kinoauswertung, bevor er im Oktober 2020 weltweit auf Netflix erschien. In Deutschland wurde der Film hauptsächlich über Netflix veröffentlicht, da Netflix als Produzent die globale Streamingpremiere priorisierte. | © Netflix
Marriage Story (2019)
Noah Baumbachs Tragikomödie erzählt die Geschichte eines Ehepaars – der Schauspielerin Nicole und des Theaterregisseurs Charlie –, deren Beziehung langsam in einer Scheidung zerbricht. Während beide versuchen, ihr Leben neu zu ordnen, geraten sie zunehmend in einen emotionalen und juristischen Konflikt um ihre Zukunft und ihren gemeinsamen Sohn. Der Film wurde von Kritikern äußerst positiv aufgenommen, insbesondere für die realistische Darstellung einer Trennung sowie die schauspielerischen Leistungen von Scarlett Johansson, Adam Driver und Laura Dern. "Marriage Story" feierte seine Weltpremiere bei den Filmfestspielen von Venedig 2019 und erhielt zahlreiche Auszeichnungen und Oscar-Nominierungen. Anschließend lief er kurz in ausgewählten Kinos, bevor er im Dezember 2019 weltweit auf Netflix veröffentlicht wurde, wo er auch in Deutschland hauptsächlich verfügbar ist. | © Netflix
Und manche Filme sollte man freiwillig nicht schauen...
Manchmal hat man gar nicht die Möglichkeit, einen Film im Kino zu schauen, aber immerhin kann man sie woanders sehen. Anders sieht es bei diesen Streifen hier aus: Verfassungswidrig, frauenfeindlich, antisemitisch: 15 Filme die in Deutschland verboten wurden. | © F.D. Cinematografica
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