David Sharp war weder der einzige noch der erste Tod auf dem höchsten Berg der Welt doch veränderte den Berg dennoch.
Heute vor 20 Jahren starb der britische Bergsteiger David Sharp am Mount Everest. Sein Tod gehört bis heute zu den umstrittensten Tragödien der modernen Höhenbergsteigerei: Nicht nur, weil Sharp in der sogenannten Todeszone verunglückte, sondern weil zahlreiche andere Bergsteiger an ihm vorbeikamen, während er noch lebte.
Am Fuße des Lebens
David Sharp wurde am 15. Februar 1972 in Harpenden, England, geboren. Er studierte Maschinenbau an der University of Nottingham und arbeitete später beim Sicherheits- und Rüstungstechnologieunternehmen QinetiQ. Neben seinem Beruf blieb das Klettern seine große Leidenschaft. Freunde und frühere Expeditionspartner beschrieben ihn als starken, erfahrenen und zugleich ruhigen Bergsteiger, der sich in großen Höhen gut akklimatisieren konnte.
Seine alpine Laufbahn führte ihn früh an die höchsten Berge der Welt. 2001 versuchte Sharp den Gasherbrum II im Karakorum. 2002 gelang ihm die Besteigung des 8.201 Meter hohen Cho Oyu, des sechsthöchsten Berges der Erde. Danach wandte er sich dem Mount Everest zu. 2003 und 2004 scheiterte er auf der Nordroute, kam dem Gipfel aber nahe. Bei einem dieser Versuche erlitt er Erfrierungen und verlor Teile von Zehen.
Im Frühjahr 2006 kehrte Sharp zum Everest zurück. Diesmal wählte er eine sehr reduzierte Form der Expedition: Er buchte über Asian Trekking ein Basisdienstleistungs-Paket, das vor allem Genehmigungen, Logistik und Unterstützung bis zum vorgeschobenen Basislager umfasste. Einen persönlichen Sherpa, einen Führer oder ein enges Team hatte er nicht. Sharp wollte weitgehend unabhängig steigen und plante, ohne reguläre Nutzung von zusätzlichem Sauerstoff den Gipfel zu erreichen.
Tod kurz vor der Spitze des Mount Everest
In der Nacht vom 14. auf den 15. Mai 2006 geriet Sharp auf der Nordostgrat-Route in extreme Not. Er kam im Bereich der als „Green Boots Cave“ bekannten Felsnische zum Stillstand, rund 8.500 Meter hoch, unweit der oberen Schlüsselstellen der Route. Dort saß er in eisiger Kälte, offenbar schwer erschöpft, mit Erfrierungen und ohne ausreichenden Sauerstoff. Ob er den Gipfel zuvor tatsächlich erreicht hatte, blieb unsicher.
Die eigentliche Kontroverse begann nach seinem Tod. Berichten zufolge passierten Dutzende Bergsteiger Sharp auf dem Weg zum Gipfel oder beim Abstieg. Einige hielten ihn zunächst für tot oder für einen ruhenden Bergsteiger, andere erkannten später, dass er noch lebte. Türkische Bergsteiger und Mitglieder anderer Teams versuchten, ihm Sauerstoff zu geben, seine vereiste Maske zu reinigen und ihn zu bewegen. Doch Sharp war offenbar nicht mehr in der Lage, selbstständig aufzustehen oder abzusteigen.
International wurde der Fall zum Symbol für die moralischen Widersprüche am Everest. Sir Edmund Hillary, der 1953 gemeinsam mit Tenzing Norgay als Erster den Gipfel erreicht hatte, kritisierte öffentlich die Haltung jener Bergsteiger, die den Gipfel über die Rettung eines Menschen stellten. Auch der neuseeländische Bergsteiger Mark Inglis, der 2006 als erster beidseitig beinamputierter Mensch den Everest bestieg, geriet in die Kritik, weil auch seine Gruppe Sharp passierte. Inglis erklärte später, Sharp sei aus seiner Sicht zu diesem Zeitpunkt bereits kaum noch zu retten gewesen.
Der Tote, der den Everest veränderte
Der Fall bleibt bis heute schwer eindeutig zu beurteilen. In 8.000 Metern Höhe sind Körper und Denken massiv beeinträchtigt. Schon der eigene Abstieg kann zur Überlebensfrage werden. Eine Rettung eines bewegungsunfähigen Menschen aus der Todeszone ist extrem gefährlich und oft praktisch kaum möglich. Zugleich stellt Sharps Tod eine unbequeme Frage, die der Everest seitdem nicht mehr loswird: Wann wird der Traum vom Gipfel wichtiger als ein Menschenleben?
David Sharp wurde 34 Jahre alt. Sein Tod war nicht nur eine persönliche Tragödie, sondern auch ein Wendepunkt in der öffentlichen Wahrnehmung des Everest. Er machte sichtbar, wie sehr Kommerz, Ehrgeiz, Erschöpfung und extreme Höhe die Grenzen menschlicher Verantwortung verschieben können.
Heute, am 15. Mai 2026, bleibt David Sharps Geschichte eine Mahnung: Der höchste Berg der Welt prüft nicht nur Kraft, Ausdauer und Mut. Er prüft auch, was Menschen einander schulden, wenn jeder Schritt über Leben und Tod entscheiden kann.
