So beeindruckend seine Werke sind, so kontrovers war ihr Schöpfer oftmals.
Am 20. August 2026 wäre H. P. Lovecraft 136 Jahre alt geworden. Heute gehört sein Name fest zur Geschichte der Horrorliteratur, doch zu Lebzeiten blieb Howard Phillips Lovecraft der große Erfolg verwehrt. Erst nach seinem Tod entwickelte sich sein Werk zu einem kulturellen Phänomen, dessen Einfluss längst weit über Bücher hinausreicht.
Monster, uralte Götter, verbotene Schriften und die Vorstellung, dass der Mensch im Universum kaum mehr als eine Randnotiz ist: Lovecraft entwickelte eine Form des Horrors, die sich deutlich von klassischen Geister- oder Vampirgeschichten unterschied. Gleichzeitig bleibt der Autor bis heute eine hochgradig umstrittene Persönlichkeit.
Eine schwierige Kindheit in Providence
Howard Phillips Lovecraft wurde am 20. August 1890 in Providence im US-Bundesstaat Rhode Island geboren. Seine frühen Lebensjahre waren von familiären Problemen und Verlusten geprägt. Sowohl sein Vater als auch später seine Mutter verbrachten aufgrund psychischer Erkrankungen Zeit in psychiatrischen Einrichtungen.
Lovecraft selbst war häufig krank und führte bereits in jungen Jahren ein vergleichsweise zurückgezogenes Leben. Einen regulären Schulabschluss machte er nicht. Stattdessen beschäftigte er sich intensiv mit Literatur, Geschichte, Naturwissenschaften und insbesondere Astronomie.
Schon als Jugendlicher schrieb er eigene Texte und Gedichte. Zu seinen wichtigsten literarischen Vorbildern gehörte Edgar Allan Poe. Lovecraft entwickelte dessen düstere Erzähltradition jedoch in eine ganz eigene Richtung weiter.
Horror, bei dem der Mensch keine Rolle spielt
Im Zentrum vieler Lovecraft-Geschichten steht nicht die Angst vor einem einzelnen Monster. Das eigentliche Grauen entsteht durch die Erkenntnis, dass die Menschheit im unvorstellbar großen Universum vollkommen unbedeutend sein könnte.
Seine Figuren stoßen auf uralte Wesen, fremdartige Zivilisationen oder Wissen, das ihre Vorstellung von Realität vollständig zerstört. Genau daraus entwickelte sich das, was heute meist als Cosmic Horror bezeichnet wird.
Geschichten wie Cthulhus Ruf, Der Schatten über Innsmouth oder Die Berge des Wahnsinns gehören inzwischen zu seinen bekanntesten Werken. Wiederkehrende Kreaturen und Namen wie Cthulhu, Yog-Sothoth oder Azathoth ließen dabei nach und nach ein zusammenhängendes Universum entstehen.
Der später sogenannte Cthulhu-Mythos war allerdings nie als streng geplante Buchreihe gedacht. Lovecraft und andere Autoren verwendeten gegenseitig Begriffe, Wesen und fiktive Bücher aus ihren Geschichten und erschufen damit ein loses Netzwerk gemeinsamer Motive.
Berühmt war Lovecraft zu Lebzeiten kaum
Viele seiner Geschichten erschienen in sogenannten Pulp-Magazinen, darunter vor allem Weird Tales. Diese günstigen Magazine waren damals eine wichtige Plattform für Fantasy-, Science-Fiction- und Horrorgeschichten.
Finanziell brachte ihm das Schreiben allerdings kaum Sicherheit. Lovecraft lebte über weite Teile seines Lebens in bescheidenen Verhältnissen und konnte von seiner eigenen Literatur nur schlecht leben.
1924 heiratete er Sonia Greene und zog zeitweise nach New York. Die Ehe hielt jedoch nicht dauerhaft. Lovecraft kehrte schließlich in seine Heimatstadt Providence zurück, mit der ein großer Teil seines Lebens und seiner Geschichten eng verbunden blieb.
Sein großer Einfluss begann erst nach seinem Tod
Lovecraft starb am 15. März 1937 im Alter von 46 Jahren an Darmkrebs. In der breiten Öffentlichkeit fand sein Tod damals kaum Beachtung. Von dem späteren Kultstatus seiner Geschichten war zu diesem Zeitpunkt noch wenig zu erkennen.
Dass seine Texte nicht verschwanden, lag auch an Freunden und anderen Autoren aus seinem Umfeld. Insbesondere August Derleth und Donald Wandrei setzten sich dafür ein, Lovecrafts Geschichten nach seinem Tod zu veröffentlichen und einem größeren Publikum zugänglich zu machen.
In den folgenden Jahrzehnten wurde sein Einfluss immer größer. Autoren wie Stephen King und Clive Barker griffen Ideen des kosmischen Horrors auf, während Filmemacher wie Guillermo del Toro Lovecraft regelmäßig als wichtige Inspiration nannten.
Auch Games und Rollenspiele machten seine Welt populär. Das Pen-&-Paper-Rollenspiel Call of Cthulhu entwickelte sich zu einem der bekanntesten Horror-Rollenspiele überhaupt. Zahlreiche Videospiele, Filme, Comics und sogar Metal-Bands verwenden bis heute Namen, Kreaturen und Motive aus seinem Werk.
Der problematische Mensch hinter den Geschichten
So groß Lovecrafts literarischer Einfluss ist, so schwierig ist auch sein persönliches Vermächtnis. In erhaltenen Briefen, Gedichten und anderen Texten finden sich zahlreiche offen rassistische, antisemitische und fremdenfeindliche Aussagen.
Diese Einstellungen waren nicht ausschließlich Teil privater Korrespondenz. Motive von vermeintlichem kulturellem Verfall, „Degeneration“ und Angst vor Vermischung finden sich teilweise auch direkt in seinen fiktionalen Geschichten wieder.
Deshalb hat sich die Wahrnehmung Lovecrafts in den vergangenen Jahrzehnten verändert. Seine Bedeutung für die Horrorliteratur wird weiterhin anerkannt, gleichzeitig werden seine politischen und gesellschaftlichen Ansichten deutlich kritischer eingeordnet.
Ein besonders sichtbares Beispiel dafür war der World Fantasy Award. Dessen Trophäe zeigte lange eine Büste Lovecrafts, wurde jedoch nach anhaltender Kritik an seinen rassistischen Ansichten durch ein neues Design ersetzt.
Warum Lovecrafts Horror bis heute funktioniert
136 Jahre nach seiner Geburt wirkt die Grundidee vieler seiner Geschichten erstaunlich modern. Seine Figuren entdecken Wahrheiten, die sie besser nie erfahren hätten. Wissenschaft, Forschung und Neugier führen nicht automatisch zu Fortschritt, sondern manchmal direkt in den Wahnsinn.
Diese Vorstellung hat das Horrorgenre nachhaltig geprägt. Das Böse muss bei Lovecraft keinen Plan verfolgen und den Menschen nicht einmal hassen. Das Universum kann schlicht so groß, fremdartig und gleichgültig sein, dass der Mensch darin keinerlei Bedeutung besitzt.
Sein posthumer 136. Geburtstag am 20. August 2026 erinnert deshalb an eine der widersprüchlichsten Figuren der Horrorliteratur. H. P. Lovecraft schuf Ideen und Kreaturen, die ihn um viele Jahrzehnte überlebt haben. Gleichzeitig lässt sich sein literarisches Erbe kaum sinnvoll betrachten, ohne auch die menschenfeindlichen Überzeugungen des Autors mitzudenken.
