Trotz Rückschlagen kämpfte Daum sich in die oberste Riege der bedeutenden Männer des Rasensports.
Deutscher Meister, fünfmal Vizemeister, gefeierter Trainer in der Türkei – und beinahe Bundestrainer. Christoph Daums Karriere bestand aus großen Erfolgen, spektakulären Methoden und einem der tiefsten Abstürze der deutschen Fußballgeschichte. Doch Daum stand wieder auf. Heute, am 24. August 2026, jährt sich sein Tod zum zweiten Mal. Der langjährige Bundesligatrainer starb 2024 im Alter von 70 Jahren an den Folgen einer Lungenkrebserkrankung.
Christoph Paul Daum wurde am 24. Oktober 1953 in Zwickau in der damaligen DDR geboren. Seine ersten Lebensjahre verbrachte er im Erzgebirge. Nach dem Tod seines Vaters zog er als Kind mit seiner Mutter nach Westdeutschland und wuchs in Duisburg auf. Schon früh wurde Fußball zu einem wichtigen Teil seines Lebens.
Als Spieler schaffte Daum allerdings nie den Sprung in den großen Profifußball. Er spielte unter anderem für Hamborn 07, Eintracht Duisburg und später für die Amateurmannschaft des 1. FC Köln. Seine eigentliche Begabung lag ohnehin weniger darin, selbst auf dem Platz zu stehen, sondern darin, andere Menschen anzuleiten und zu motivieren.
Daum beschäftigte sich schon früh mit der Psychologie des Fußballs
Daum studierte Sportwissenschaften an der Deutschen Sporthochschule Köln und beschäftigte sich bereits in seiner Diplomarbeit intensiv mit der psychologischen Seite des Trainerberufs. Das Thema lautete sinngemäß auf die Bedeutung pädagogischer und psychologischer Maßnahmen eines Fußballtrainers. Zeitweise arbeitete er zudem als Lehrer an einer Realschule in Duisburg.
Diese Beschäftigung mit Motivation sollte später zu einem Markenzeichen seiner gesamten Karriere werden. Daum wollte Spieler nicht nur taktisch und körperlich vorbereiten. Er wollte sie davon überzeugen, Grenzen überwinden zu können.
Dafür griff er zu Methoden, die im Profifußball der damaligen Zeit außergewöhnlich wirkten. Spieler liefen unter seiner Anleitung beispielsweise barfuß über Glasscherben. Mit Übungen wie dem Verbiegen von Metall oder anderen mentalen Herausforderungen wollte Daum vermitteln, dass vermeintliche Grenzen häufig zuerst im Kopf entstehen. Auf seiner eigenen Webseite beschrieb er später, dass beim Glasscherbenlauf zunächst praktisch jeder Spieler gezögert habe – bevor die Mannschaft die Aufgabe schließlich bewältigte.
Mit 32 Jahren wurde er Cheftrainer des 1. FC Köln
Seine große Trainerkarriere begann beim 1. FC Köln. Nachdem er dort zunächst im Nachwuchs und als Co-Trainer gearbeitet hatte, wurde Daum im September 1986 mit gerade einmal 32 Jahren zum Cheftrainer der Bundesligamannschaft befördert. Er übernahm den FC auf einem Abstiegsplatz und führte ihn noch auf Rang zehn.
In den folgenden Jahren entwickelte sich Köln unter Daum zu einem ernsthaften Konkurrenten des damals dominierenden FC Bayern München. 1988 belegte der FC Platz drei, 1989 und 1990 wurde die Mannschaft jeweils deutscher Vizemeister. 1990 erreichte Köln außerdem das Halbfinale des UEFA-Pokals.
Daum war dabei nicht nur Trainer, sondern zunehmend auch Medienfigur. Selbstbewusst, emotional und selten um eine Antwort verlegen, wurde er zum sogenannten Lautsprecher der Liga.
Das legendäre Duell mit Uli Hoeneß
Besonders berühmt wurde Daums Rivalität mit dem FC Bayern und dessen Manager Uli Hoeneß. Im Mai 1989 traf Daum im aktuellen sportstudio auf Hoeneß und Bayern-Trainer Jupp Heynckes. Was als Studiogespräch begann, entwickelte sich zu einem der bekanntesten Wortgefechte der Bundesliga-Geschichte.
Daum und Hoeneß sollten sich über viele Jahre immer wieder öffentlich aneinander reiben. Eine Rivalität, die mehr als ein Jahrzehnt später bei einem der einschneidendsten Ereignisse in Daums Leben erneut eine entscheidende Rolle spielen sollte.
Zunächst endete jedoch überraschend seine erste Zeit in Köln. Während der Weltmeisterschaft 1990 wurde der erfolgreiche Trainer vom Verein entlassen. Daum bezeichnete die Entscheidung später als völlig überraschend.
1992 machte Daum den VfB Stuttgart zum Deutschen Meister
Seine nächste Station wurde der VfB Stuttgart – und dort erreichte Daum den größten Erfolg seiner Bundesliga-Karriere. In der Saison 1991/92 lieferte sich Stuttgart einen dramatischen Dreikampf um die Meisterschaft mit Borussia Dortmund und Eintracht Frankfurt.
Die Entscheidung fiel erst am letzten Spieltag. Der VfB gewann bei Bayer Leverkusen mit 2:1, Guido Buchwald erzielte kurz vor Schluss das entscheidende Tor. Weil gleichzeitig Eintracht Frankfurt bei Hansa Rostock verlor, war Stuttgart Deutscher Meister. Für Daum war es der erste und einzige Meistertitel in der Bundesliga.
Nur wenige Monate später folgte allerdings einer der kuriosesten Fehler seiner Karriere. Im Europapokal gegen Leeds United wechselte Daum einen vierten ausländischen Spieler ein, obwohl damals nur drei gleichzeitig eingesetzt werden durften. Das ursprünglich gewonnene Spiel wurde deshalb gegen Stuttgart gewertet. Nach einem zusätzlichen Entscheidungsspiel schied der VfB schließlich aus.
In der Türkei wurde Daum zum gefeierten Startrainer
Nach seiner Zeit in Stuttgart führte ihn seine Karriere ins Ausland. Besonders in der Türkei entwickelte Daum eine außergewöhnliche Verbindung zum Fußball und zu den Fans.
1994 übernahm er Beşiktaş Istanbul. Noch im selben Jahr gewann er mit dem Klub den türkischen Pokal, 1995 folgte die Meisterschaft. Später sollte Daum mit Fenerbahçe zwei weitere türkische Meistertitel in den Jahren 2004 und 2005 gewinnen.
Daums emotionaler und offensiver Trainerstil passte zur Fußballkultur in Istanbul. Während er in Deutschland teilweise als Provokateur wahrgenommen wurde, erreichte er in der Türkei einen Status, den nur wenige deutsche Trainer im Ausland erreichten.
Mit Leverkusen dreimal Vizemeister
1996 kehrte Daum in die Bundesliga zurück und übernahm Bayer 04 Leverkusen. Sportlich begann eine der erfolgreichsten Phasen der Vereinsgeschichte. Unter Daum wurde Leverkusen 1997, 1999 und 2000 deutscher Vizemeister und qualifizierte sich erstmals für die Champions League.
Besonders dramatisch verlief die Saison 1999/2000. Vor dem letzten Spieltag benötigte Leverkusen bei der bereits als Absteiger feststehenden SpVgg Unterhaching lediglich einen Punkt zur ersten Meisterschaft der Vereinsgeschichte.
Doch Leverkusen verlor. Ein frühes Eigentor von Michael Ballack leitete eine 0:2-Niederlage ein, während Bayern München sein Spiel gewann und doch noch Meister wurde. Für Daum bedeutete es bereits die fünfte Vizemeisterschaft seiner Bundesliga-Karriere – zweimal mit Köln und dreimal mit Leverkusen.
Daum sollte Bundestrainer werden
Trotz der verpassten Meisterschaft stand Daum im Jahr 2000 unmittelbar vor dem wichtigsten Job im deutschen Fußball. Nach dem enttäuschenden Abschneiden der Nationalmannschaft bei der Europameisterschaft sollte er Bundestrainer werden.
Weil Daum noch bei Bayer Leverkusen unter Vertrag stand, übernahm zunächst Rudi Völler übergangsweise die Nationalmannschaft. Anschließend sollte Daum folgen. Doch dazu kam es nie.
Die Kokain-Affäre brachte seine Karriere beinahe zum Einsturz
Im Herbst 2000 wurden Gerüchte über möglichen Kokainkonsum Daums öffentlich diskutiert. Uli Hoeneß hatte zuvor erklärt, der DFB könne nicht gleichzeitig gegen Drogen kämpfen und entsprechende Vorwürfe rund um seinen künftigen Bundestrainer ignorieren. Daum wies die Anschuldigungen entschieden zurück.
Um seine Unschuld zu beweisen, entschied er sich schließlich selbst für eine Haaranalyse. Bei einer Pressekonferenz erklärte Daum, er tue dies, weil er ein absolut reines Gewissen habe.
Doch die Probe fiel positiv aus.
Am 20. Oktober 2000 wurde bekannt, dass Daums Haarprobe Hinweise auf Kokainkonsum enthielt. Bayer Leverkusen trennte sich von seinem Trainer und auch die geplante Übernahme der deutschen Nationalmannschaft war damit erledigt. Daum reiste anschließend für einige Zeit in die USA. Im Januar 2001 räumte er öffentlich ein, Kokain konsumiert zu haben.
Die Affäre wurde zu einem der größten Skandale der deutschen Fußballgeschichte. Innerhalb weniger Wochen war aus dem designierten Bundestrainer ein Mann geworden, dessen Karriere in Deutschland zunächst zerstört schien.
Daum schaffte das Comeback
Doch ein endgültiges Ende seiner Trainerlaufbahn wurde daraus nicht. Daum kehrte zu Beşiktaş zurück und übernahm anschließend Austria Wien. Mit den Österreichern gewann er 2003 Meisterschaft und Pokal. Danach folgten seine beiden Meistertitel mit Fenerbahçe.
2006 kehrte er sogar zu dem Verein zurück, bei dem seine große Karriere begonnen hatte. Daum übernahm erneut den 1. FC Köln und führte den Klub 2008 zurück in die Bundesliga.
Weitere Stationen führten ihn zu Eintracht Frankfurt, zum FC Brügge und zu Bursaspor. Seine letzte große Aufgabe begann 2016: Daum wurde Nationaltrainer Rumäniens. Im September 2017 endete sein Engagement – und damit auch seine jahrzehntelange Tätigkeit als Cheftrainer.
Seine Krebserkrankung machte Daum 2022 öffentlich
Im Herbst 2022 gab Christoph Daum bekannt, an Lungenkrebs erkrankt zu sein. Die Diagnose hatte er nach medizinischen Untersuchungen erhalten. Zunächst zog er sich aus der Öffentlichkeit zurück. Doch schon bald entschied er sich für einen anderen Umgang mit seiner Krankheit.
Daum begann öffentlich über Krebs und seine Behandlung zu sprechen. Der Mann, der jahrzehntelang Fußballer davon überzeugen wollte, mentale Grenzen zu überwinden, versuchte nun, diese Haltung auf seine eigene Erkrankung zu übertragen.
Immer wieder machte er anderen Krebspatienten Mut. Daum sprach offen über Chemotherapien, Rückschläge und Hoffnungen. Noch im Mai 2024 trat er öffentlich auf und appellierte an Erkrankte, nicht aufzugeben. Seine Botschaft lautete: „Es lohnt sich zu leben!“
Auch einen Satz wiederholte Daum in seinen letzten Jahren immer wieder: Nicht entscheidend sei, wie oft ein Mensch hinfalle – entscheidend sei, wieder aufzustehen. Eine Aussage, die angesichts seiner eigenen Lebensgeschichte eine besondere Bedeutung bekam.
Versöhnung mit Uli Hoeneß
Auch eine der längsten Feindschaften seiner Karriere hatte Daum zu diesem Zeitpunkt längst beendet. Er und Uli Hoeneß versöhnten sich nach Jahrzehnten der öffentlichen Auseinandersetzungen miteinander. Der Konflikt, der den deutschen Fußball seit den 1980er-Jahren begleitet und im Zuge der Kokain-Affäre seinen Höhepunkt erreicht hatte, endete schließlich persönlich und friedlich.
Als Daums Tod bekannt wurde, erinnerte Hoeneß an die gemeinsame Vergangenheit und erklärte, dass beide bereits lange zuvor ihren Frieden miteinander gemacht hätten.
Christoph Daum starb am 24. August 2024
Am 24. August 2024 starb Christoph Daum nach seinem langen Kampf gegen den Krebs in Köln. Er wurde 70 Jahre alt. Seine Familie teilte mit, dass er friedlich im Kreis seiner Angehörigen verstorben sei.
Wenige Wochen später nahm der deutsche Fußball bei einer großen Trauerfeier im Kölner RheinEnergieSTADION Abschied von ihm. Der Ort hatte für Daum eine besondere Bedeutung: Hier hatte er nicht nur zweimal als Trainer des 1. FC Köln gearbeitet. 2007 hatte er im Mittelkreis des Stadions auch seine langjährige Partnerin Angelica geheiratet.
Daum wurde auf dem Kölner Melaten-Friedhof beigesetzt.
Ein Trainer zwischen Genie, Provokation und Absturz
Heute, am 24. August 2026, ist Christoph Daum seit zwei Jahren tot. Sein Platz in der deutschen Fußballgeschichte lässt sich dabei kaum auf einen einzelnen Moment reduzieren.
Er war der junge Trainer, der mit dem 1. FC Köln den übermächtigen Bayern den Kampf ansagte. Der Meistertrainer des VfB Stuttgart. Der Motivator, der seine Spieler über Glasscherben laufen ließ. Der Mann, der Bayer Leverkusen dreimal bis kurz vor die Meisterschaft führte. Und der Trainer, der in Istanbul zu einem der bekanntesten deutschen Fußballgesichter wurde.
Er war aber auch der designierte Bundestrainer, der öffentlich seine Unschuld beteuerte und anschließend durch seine eigene Haarprobe des Kokainkonsums überführt wurde. Daum selbst versuchte diesen Teil seiner Biografie später nicht auszulöschen. Er sprach über Fehler, Verantwortung und darüber, nach einem Absturz wieder aufzustehen.
Vielleicht beschreibt genau das seine außergewöhnliche Karriere am besten. Christoph Daum gewann Meisterschaften, verlor Titel in letzter Minute, fiel tiefer als beinahe jeder andere deutsche Spitzentrainer – und kehrte trotzdem wieder an die Seitenlinie zurück.
Als seine größte Herausforderung schließlich nichts mehr mit Fußball zu tun hatte, machte er auch daraus eine öffentliche Botschaft. Bis wenige Monate vor seinem Tod versuchte Christoph Daum anderen Erkrankten Mut zu machen.
Ein Leben mit Erfolgen, Fehlern, Abstürzen und Comebacks – und eines, das im deutschen Fußball kaum zu übersehen war.
