Über Frauenhass, Rassismus, Vorurteile und den Versuch, eine neue Geschichte aus alten Bildern zu erfinden.
Eine blinde Influencerin verlässt ihren langjährigen Freund, weil er ihr nicht attraktiv genug ist. Kurz darauf kommt sie mit einem Migranten zusammen, der ihre Blindheit ausnutzt, ihr Konto leer räumt und verschwindet. Eine Geschichte über Undankbarkeit, schlechte Entscheidungen und vermeintliches "Karma".
Das Problem daran: So ist diese Geschichte nie passiert.
Die blinde Influencerin die Hoffnung geben möchte
Genau dieses Narrativ verbreitete sich Anfang August aber millionenfach in den sozialen Medien. Im Mittelpunkt steht die britische Content Creatorin Kitty Hinde, die über ihr Leben als blinde Frau berichtet. Hinde verlor nach einer Glaukom-Erkrankung ihr Sehvermögen und hat sich mit ihren Videos inzwischen eine große Community aufgebaut. Die britische Organisation Sense führt sie als Botschafterin und spricht von mehr als 550.000 Followern.
Mit ihrem Content will sie einerseits aufklären, über das Leben als Blinde und den Umgang von außen damit, aber auch immer wieder aufzeigen, dass das Leben selbst nach einem solchen Schicksalsschlag noch gute Seiten haben kann.
Innerhalb weniger Tage wurde aus ihr jedoch die Hauptfigur einer Geschichte, die verschiedene Ereignisse aus mehreren Jahren zu einem einzigen vermeintlichen Ablauf zusammenschnitt.
Die hämische "Karma"-Story ist komplett erlogen
Kitty Hinde war tatsächlich mehrere Jahre mit einem Mann namens Sam zusammen. Die beiden lernten sich 2023 kennen, kurz bevor Hinde ihr restliches Sehvermögen verlor. Sam unterstützte sie in dieser Zeit. Ihre Beziehung endete später.
Im August 2026 veröffentlichte Hinde ein Video, in dem sie scherzhaft darüber sprach, dass Freunde ihren Ex nach der Trennung als "wenig attraktiv", bezeichnet hätten. Auf die Frage, ob sie keine Angst hätte, als Blinde "versehentlich" mit einem hässlichen Partner zusammenzukommen, meinte sie daher augenzwinkernd "das war ich schon".
Für einige Leute im Internet wurde daraus schnell: Die blinde Influencerin habe ihren Freund verlassen, weil er hässlich sei. Dafür gibt es keinen Beleg. Hinde sagte nicht, dass sein Aussehen der Grund für die Trennung gewesen sei. Das entsprechende Video entstand zudem lange nach dem Ende der Beziehung.
Doch damit war die Geschichte noch nicht vorbei.
Die Geschichte wird drastischer umgeschrieben, die Kommentare bösartig
Hinde hatte Anfang 2026 nämlich in mehreren Videos von einem anderen ehemaligen Partner erzählt. Nach ihrer Darstellung habe dieser zunächst Geld von ihr geliehen und später größere Beträge von ihrem Konto auf sein eigenes überwiesen. Anschließend habe er sie blockiert und sei verschwunden.
Diese Anekdote gepaart mit einem Foto von Hinde gemeinsam mit einem anderen Influencer, den einige als "eindeutigen Immigranten" auszumachen glaubten, wurden in die Mähr von der undankbaren, oberflächlichen eingeflochten.
Nun hieß es plötzlich: Hinde habe ihren unterstützenden Freund wegen seines Aussehens verlassen, unmittelbar danach einen anderen, ausländischen Mann kennengelernt – und dieser neue Partner habe sie ausgeraubt. Kommentare unter Berichten und Posts dazu, waren voll von Häme, Spott und rassistischen Aussagen – obwohl nichts davon so geschehen war.
Es gibt keinen Beleg dafür, dass der Mann aus Hindes Geschichte über das verschwundene Geld ihr unmittelbarer neuer Partner nach Sam war. Zudem beruhen die konkreten Vorwürfe bezüglich des Geldes bislang auf Hindes eigener Darstellung. Eine unabhängige Bestätigung aller Details liegt öffentlich nicht vor.
Die Geschichten betreffen drei unterschiedliche Männer und unterschiedliche Zeiträume. Gerade der Teil mit dem vermeintlich "diebischen Migranten" aber wird nicht einfach durch eine bloße Verwechslung zustande gekommen sein, sondern ergab sich wohl durch pure, bösartige Absicht und dem Versuch, eine virale Geschichte mit Fremdenhass zu verseuchen.
Der vermeintliche Migrant
Denn der Mann, der als der Migrant bezeichnet wird, der Hinde ihr Geld gestohlen haben soll, ist der Musiker MOBI1, der sich aufgrund von Verbrennungsnarben im Gesicht nur mit Maske zeigt. Hinde lernte ihn während ihrer Teilnahme an der britischen TV-Sendung Blind Matchmakers kennen – dort entstanden gemeinsame Fotos der beiden, jedoch ohne, dass es je eine Beziehung zwischen den beiden gegeben hätte noch der Musiker zu irgendeinem Zeitpunkt auch nur in die Nähe ihres Kontos gekommen war.
Trotzdem funktioniert die Geschichte online.
Denn plötzlich erzählt sie nicht mehr nur etwas über eine Influencerin. Sie erzählt eine Geschichte über Frauen, Migration und vermeintliches Karma: Eine Frau verlässt den "guten" langjährigen Partner, entscheidet sich für einen Migranten und wird dafür bestraft.
Ein fertiges Narrativ, das bestehende Vorurteile bestätigt.
Ob jeder Account, der diese Geschichte weiterverbreitet, dies gezielt tut, lässt sich nicht feststellen. Bei dem ursprünglichen viralen Zusammenschnitt werden jedoch nachweislich voneinander unabhängige Clips so miteinander verbunden, dass eine durchgehende Handlung entsteht, die durch die Originalquellen nicht gedeckt ist.
Eine neue Wahrheit Dank Vorurteilen und Lügen
Falschinformationen bestehen längst nicht immer aus komplett erfundenen Bildern, gefälschten Interviews oder KI-generierten Videos. Manchmal reichen echte Informationen im falschen Zusammenhang, den richtigen Leuten mit entsprechenden Vorurteilen serviert, wird daraus genau das ressentimentlastige Narrativ, welches die ursprünglichen Erfinder der Geschichte befeuern wollten:
Hinde hatte einen langjährigen Freund. Ihre Freunde bezeichneten diesen später als unattraktiv. Sie erzählte von einem anderen Ex-Partner, der ihr nach ihrer Darstellung Geld genommen hatte. Sie war später mit einem anderen Mann in einer Dating-Sendung zu sehen.
All diese Informationen können einzeln existieren. Setzt man sie jedoch in eine andere Reihenfolge, lässt entscheidende Informationen weg und behauptet Verbindungen, die es nicht gibt, entsteht eine komplett neue Geschichte.
Genau das macht diese Form von Desinformation so effektiv: Der Zuschauer sieht echte Menschen. Echte Videos. Echte Aussagen. Dadurch entsteht schnell das Gefühl man habe die Beweise ja selbst gesehen. Nur hat man eben nicht die tatsächliche Geschichte gesehen, sondern eine Auswahl von Informationen, die jemand anderes für einen zusammengestellt hat.
Morddrohungen wegen erfundener Geschichte
Für Kitty Hinde blieb die Geschichte nicht bei ein paar bösen Kommentaren. Nach Angaben ihres Managements wurde sie massiv beleidigt und belästigt und erhielt sogar Morddrohungen. Männer die sich selbst als Sprachrohr aller Männer sehen, die glauben ihre rassistischen Vorurteile bestätigt oder ihre Ehre gekränkt zu sehen, fühlen sich gedrängt, der jungen Frau den Tod zu wünschen.
Damit zeigt der Fall auch, warum es nicht egal ist, ob man eine vermeintlich spektakuläre Meldung ungeprüft liked, kommentiert oder teilt. Aus einem zusammengeschnittenen Video wird ein Post. Aus dem Post werden tausende Reaktionen. Andere Accounts übernehmen die Geschichte. Details werden ergänzt.
Aus einem Musiker wird vielleicht irgendwann ein "Flüchtling". Aus einem gemeinsamen Foto wird ein fester Partner. Aus einem zeitlichen Abstand werden plötzlich "wenige Tage". Aus einem Witz über einen Ex wird der angebliche Grund für eine Trennung.
Und irgendwann wissen hunderttausende Menschen ganz genau, was passiert sein soll – obwohl die Geschichte in dieser Form nie stattgefunden hat.
Erst prüfen, dann empören
Gerade Meldungen, die sofort starke Emotionen auslösen, verdienen deshalb besondere Vorsicht.
Wenn eine Geschichte perfekt dazu geeignet scheint, die eigene Meinung über Frauen, Männer, Migranten, Politiker oder irgendeine andere gesellschaftliche Gruppe zu bestätigen, sollte genau das ein Grund sein, noch einmal genauer hinzusehen.
Woher stammt die ursprüngliche Information? Gibt es das vollständige Video? Wann wurden die einzelnen Aufnahmen veröffentlicht? Handelt es sich überhaupt um dieselben Personen? Und berichtet eine seriöse Quelle über den Vorfall – oder zitieren am Ende hundert Accounts lediglich denselben ursprünglichen Post?
