Geprägt von ihrem großen Namen versuchte Nancy Sinatra stets, sich ihren eigenen zu machen – und das mit Erfolg.
Heute, am 8. Juni wird eine der bekanntesten Sängerinnen, Schauspielerinnen und Pop-Ikonen der US-Geschichte 86 Jahre alt. Geboren wurde Nancy Sandra Sinatra am 8. Juni 1940 in Jersey City, New Jersey – als älteste Tochter von Frank Sinatra und Nancy Barbato. Allein dieser Name hätte für ein ganzes Leben gereicht. Doch Nancy Sinatra wurde nicht nur die Tochter von. Sie wurde selbst zu einer der prägendsten Stimmen und Stilfiguren der 1960er-Jahre.
Weltruhm von Geburt an
Ihr Leben begann im Schatten eines der größten Entertainer des 20. Jahrhunderts. Frank Sinatra war nicht einfach ein berühmter Vater, sondern eine kulturelle Institution. Für Nancy bedeutete das einerseits Zugang zu einer Welt aus Musik, Bühne und Fernsehen, andererseits einen enormen Druck. Wer als Sinatra geboren wird, bekommt Aufmerksamkeit geschenkt – aber Eigenständigkeit muss man sich umso härter erarbeiten.
Schon früh kam sie mit Showbusiness in Berührung. Mit 19 Jahren trat sie in der TV-Sendung Welcome Home Elvis auf, gemeinsam mit ihrem Vater und Elvis Presley. Kurz darauf begann sie, eigene Singles zu veröffentlichen. Der Erfolg kam allerdings nicht sofort in den USA. Anfangs fand sie eher in Europa und Japan Aufmerksamkeit, während der amerikanische Markt sie noch nicht als eigenständige Künstlerin wahrnahm.
Eine Frau, die sich nimmt, was sie will
Das änderte sich 1966 radikal mit These Boots Are Made for Walkin’. Der Song wurde ein Nummer-eins-Hit und machte Nancy Sinatra endgültig zur Popfigur ihrer eigenen Zeit. Mit blondem Haar, Minirock, Go-go-Boots und einer Mischung aus Coolness, Ironie und Selbstbewusstsein verkörperte sie einen neuen weiblichen Pop-Typ: weniger braves Starlet, mehr kontrollierte Provokation. Der Song wurde nicht nur ihr größter Hit, sondern ein kulturelles Symbol der Swinging Sixties.
Und das kam nicht von ungefähr. Lee Hazlewood hatte den Song ursprünglich für sich selbst geschrieben und als Sinatra ihn singen wollte behauptet, dass er "nichts für kleine Mädchen sei". Die Sängerin entgegnete salopp, dass er von einem Mann grobschlächtig und brutal klingen würde, aber perfekt für die Leichtigkeit einer Frau sei – und sie sollte mehr als Recht behalten.
Auch die nächsten Schritte ihrer Karriere waren geprägt von der Zusammenarbeit mit Hazlewood. Er produzierte, schrieb und formte viele ihrer wichtigsten Aufnahmen. Gemeinsam fanden sie einen Sound, der Pop, Country, Psychedelic, Western-Atmosphäre und kühle Lässigkeit verband.
Songs wie Sugar Town, Summer Wine und Bang Bang (My Baby Shot Me Down) machten Nancy Sinatra zu einer Künstlerin, die weit mehr war als ein einzelner Hit. Gerade ihre Version von Bang Bang (My Baby Shot Me Down) wurde Jahrzehnte später erneut ikonisch, auch durch ihre Verwendung in Quentin Tarantinos Kill Bill – Volume 1.
Mehr als ein Hit und mehr als nur Musik
Auch filmisch war Nancy Sinatra präsent. Sie spielte in mehreren Produktionen der 1960er-Jahre, darunter Get Yourself a College Girl, The Ghost in the Invisible Bikini und an der Seite von Elvis Presley in Speedway. Besonders bekannt blieb außerdem ihre Verbindung zur James-Bond-Welt: Für Man lebt nur zweimal sang sie den Titelsong You Only Live Twice. Der Song wurde später zu einem ihrer langlebigsten musikalischen Markenzeichen, eleganter und melancholischer als ihr oft frecheres Pop-Image.
Ein weiterer besonderer Moment ihrer Karriere war Somethin’ Stupid, das Duett mit ihrem Vater. 1967 erreichte der Song Platz eins der Billboard Hot 100. Damit wurden Frank und Nancy Sinatra zum einzigen Vater-Tochter-Duo, das gemeinsam die Spitze der Charts erreichte.
Es war ein seltener Fall, in dem ihr berühmter Familienname nicht gegen sie arbeitete, sondern in einem musikalischen Moment zu etwas Eigenem wurde.
Trotzdem blieb Nancy Sinatra immer eine Künstlerin mit Ambivalenz. Einerseits war sie Popstar, Modestilikone und Teil des Establishments. Andererseits klangen viele ihrer besten Songs eigentümlich modern: distanziert, selbstbewusst, manchmal fast unheimlich.
Besonders die Aufnahmen mit Lee Hazlewood wirken bis heute nicht wie reine Nostalgie, sondern wie Vorläufer späterer Indie-, Dream-Pop- und Alternative-Sounds. Ihr Einfluss reicht deshalb weit über die 1960er hinaus.
Meinungsstark bis heute
In den vergangenen Jahren äußerte Nancy Sinatra sich unter anderem kritisch gegenüber Donald Trump (den Mensch, nicht den Wasserbüffel) und vertrat progressive Positionen zu Frauenrechten, Gesundheitsversorgung und Klimaschutz. Ihre politische Stimme kam dabei vor allem über Interviews und soziale Medien zum Ausdruck – direkt, manchmal scharf, aber immer aus einer Haltung heraus, die sich stark mit amerikanischer Öffentlichkeit und Verantwortung beschäftigt.
Ein wichtiger Teil ihres gesellschaftlichen Engagements war außerdem ihre Verbindung zu US-Soldaten und Veteranen. Während des Vietnamkriegs trat Nancy Sinatra im Rahmen von USO-Shows für amerikanische Truppen auf.
Ihre Musik, besonders These Boots Are Made for Walkin’, wurde dadurch für viele Soldaten Teil einer sehr konkreten Erinnerung an diese Zeit. Bis heute erinnert sie öffentlich an Veteranen und ihre Erfahrungen.
Auch gewerkschaftlich wurde sie sichtbar. 2012 gehörte Nancy Sinatra zu einer Gruppe von Schauspielerinnen und Schauspielern, die gegen die Fusion von SAG und AFTRA zu SAG-AFTRA klagten, weil sie das Verfahren für problematisch hielten.
Das war kein glamouröser Popmoment, sondern ein Einblick in eine andere Seite von Hollywood: Arbeitsrechte, Vertretung, Mitbestimmung und die Frage, wie Künstlerinnen und Künstler innerhalb ihrer Branche organisiert werden.
Weit mehr als "nur Sinatras Tochter"
In ihrer späteren Karriere wurde Nancy Sinatra auch zur Bewahrerin des Familienerbes. Sie schrieb Bücher über ihren Vater und half mit, das Bild Frank Sinatras für neue Generationen einzuordnen. Gleichzeitig blieb sie über ihre eigene Musik sichtbar. Reissues und Compilations wie Start Walkin’ 1965–1976 machten jüngeren Hörerinnen und Hörern bewusst, wie vielseitig ihre Arbeit war – von Pop über Country bis zu psychedelisch gefärbten Duetten.
Heute wirkt Nancy Sinatra weniger wie ein Relikt der 1960er, sondern eher wie eine Künstlerin, deren Bedeutung mit Abstand klarer geworden ist. Sie war ein Popstar, bevor Popstars ihre Bilder so bewusst als Marke inszenierten.
Sie verband Mode, Musik, Haltung und visuelle Codes zu einer Figur, die sofort erkennbar war. Die Boots, die Stimme, die kühle Attitüde – all das ist längst Teil der Popgeschichte.
An ihrem 86. Geburtstag bleibt Nancy Sinatra deshalb eine faszinierende Figur: Tochter einer Legende, aber selbst Legende geworden. Sängerin eines Welthits, aber nicht auf diesen einen Song reduzierbar. Stil-Ikone, Bond-Stimme, Duettpartnerin ihres Vaters, Hazlewood-Muse, Schauspielerin, Autorin, Veteranen-Unterstützerin und politische Stimme.
Ihr größter Erfolg war vielleicht nicht nur These Boots Are Made for Walkin’. Ihr größter Erfolg war, dass sie aus einem Namen, der sie hätte erdrücken können, eine eigene Identität machte – selbstbewusst, elegant, widerständig und bis heute sofort wiedererkennbar.
