Er polarisierte, hangelte sich von Skandal zu Skandal und ließ bei all dem Trubel fast vergessen, dass er ein Land regierte.
Heute, am 12. Juni 2026, jährt sich der Tod von Silvio Berlusconi zum dritten Mal. Der frühere italienische Ministerpräsident starb am 12. Juni 2023 im Alter von 86 Jahren in Mailand. Kaum ein europäischer Politiker der letzten Jahrzehnte hat sein Land so stark geprägt, polarisiert und verändert wie er. Berlusconi war Medienunternehmer, Milliardär, Fußballpräsident, Populist, Regierungschef — und eine der umstrittensten Figuren der modernen italienischen Geschichte.
Der Medienmogul mit dem unstillbaren Hunger nach Macht
Geboren wurde Silvio Berlusconi am 29. September 1936 in Mailand. Bevor er die Politik betrat, baute er sich ein riesiges Wirtschaftsimperium auf. Erst wurde er Immobilienunternehmer, später stieg er ins Fernsehen ein und schuf mit Mediaset eine Medienmacht, die Italiens Öffentlichkeit über Jahrzehnte mitprägte.
Laut Britannica kontrollierte Berlusconi in den 1990er-Jahren mehr als 150 Unternehmen, darunter drei Fernsehsender und Italiens größtes Verlagshaus.
Seine Karriere war aber nie nur Business. Berlusconi verstand früh, dass Macht im modernen Italien über Bilder, Unterhaltung und Aufmerksamkeit funktioniert. Als Besitzer des AC Mailand wurde er zusätzlich zur Fußballfigur.
Unter seiner Führung gewann der Verein nationale und internationale Titel und wurde zu einem globalen Symbol italienischer Fußballmacht. Für viele Italiener war Berlusconi deshalb lange nicht nur ein Politiker, sondern ein Mann, der Fernsehen, Sport, Reichtum und Erfolg in einer Person bündelte.
Politik und Medienzirkus
1994 gründete Berlusconi die Partei Forza Italia und schaffte fast sofort den Sprung an die Spitze der Regierung. Sein politisches Angebot war simpel, aber wirksam: Er präsentierte sich als erfolgreicher Unternehmer, der Italien wie ein Unternehmen führen könne. Damit brachte er einen neuen Stil in die europäische Politik — persönlicher, medienwirksamer, populistischer und stark auf die eigene Marke zugeschnitten.
Er war 1994, von 2001 bis 2006 und von 2008 bis 2011 italienischer Ministerpräsident. Reuters bezeichnete ihn nach seinem Tod als Medienmogul und politischen Showman, der Italiens Politik durch Skandale, Auftritte und Machtinstinkt prägte.
Berlusconi war dabei nie nur konservativer Politiker im klassischen Sinn. Er war eine Art Vorläufer moderner Populisten: Er stellte sich gegen Eliten, obwohl er selbst Milliardär war. Er griff Justiz und Medien an, obwohl er selbst enorme Medienmacht besaß.
Er sprach direkt, provozierte bewusst und verwandelte Politik oft in persönliche Loyalitätsfragen. Genau diese Mischung machte ihn für seine Anhänger greifbar und für seine Gegner gefährlich.
Seine Regierungszeit war geprägt von Steuerpolitik, Justizkonflikten, wirtschaftlichen Versprechen und internationaler Inszenierung. Gleichzeitig blieb seine politische Bilanz umstritten. Kritiker warfen ihm vor, Italien strukturell nicht modernisiert, Interessenkonflikte nie ernsthaft gelöst und öffentliche Institutionen geschwächt zu haben. Unterstützer sahen in ihm dagegen einen Mann, der Stabilität, Optimismus und unternehmerisches Denken in eine oft blockierte politische Landschaft brachte.
Von Bunga-Bunga und Boulevardskandalen
Untrennbar mit Berlusconis Namen verbunden sind seine Skandale. Über Jahrzehnte stand er immer wieder vor Gericht. Reuters schrieb 2023, Berlusconi habe zwar viele juristische Auseinandersetzungen erlebt, aber nur eine endgültige Verurteilung: 2013 wurde er wegen Steuerbetrugs im Zusammenhang mit seinem Medienimperium verurteilt. Diese Verurteilung führte dazu, dass er zeitweise von öffentlichen Ämtern ausgeschlossen wurde.
Noch stärker brannten sich die sogenannten Bunga-Bunga-Partys in das öffentliche Gedächtnis ein. Der Skandal drehte sich um Partys in Berlusconis Villa, um junge Frauen, Machtmissbrauchsvorwürfe und den Vorwurf, er habe Sex mit einer Minderjährigen gehabt.
Berlusconi wurde in einem zentralen Verfahren freigesprochen, später ging es in weiteren Prozessen unter anderem um mutmaßliche Zeugenbeeinflussung. Im Februar 2023 wurde er auch in einem solchen Verfahren freigesprochen; 2024 hob Italiens oberstes Gericht jedoch die Freisprüche mehrerer Mitangeklagter teilweise wieder auf und ordnete ein neues Berufungsverfahren zu Bestechungsvorwürfen an. Berlusconi selbst war zu diesem Zeitpunkt bereits tot.
Diese Skandale waren mehr als Boulevard. Sie warfen Fragen über Macht, Frauenbild, Straflosigkeit und politische Kultur auf. Berlusconi reagierte oft mit Spott, Angriffen auf die Justiz oder der Darstellung, er sei Opfer politischer Verfolgung. Für seine Kritiker wurde er damit zum Symbol eines Systems, in dem Reichtum, Medienmacht und politische Immunität zu eng miteinander verbunden waren.
Das Ende eines problematischen Stehaufmännchens
Gleichzeitig blieb er erstaunlich widerstandsfähig. Selbst nach Rücktritten, Niederlagen, Prozessen und internationaler Kritik verschwand Berlusconi nie ganz von der Bühne. 2019 zog er noch einmal ins Europäische Parlament ein, 2022 wurde er erneut Senator. Auch nach seinem Tod blieb Forza Italia ein wichtiger Teil der italienischen Regierungskoalition unter Giorgia Meloni, obwohl Beobachter schon 2023 betonten, wie stark die Partei von seiner Person abhängig gewesen war.
Berlusconis Tod löste in Italien eine Mischung aus Trauer, Nostalgie und Kritik aus. Die italienische Regierung ordnete einen nationalen Trauertag und ein Staatsbegräbnis im Mailänder Dom an. Für seine Anhänger war das angemessen: Sie sahen in ihm einen Mann, der Italien geprägt, Arbeitsplätze geschaffen und das Land international sichtbar gemacht hatte.
Für seine Gegner war diese Ehrung problematisch, weil sie die Schattenseiten seiner Karriere zu sehr überdeckte.
Drei Jahre nach seinem Tod bleibt Silvio Berlusconi eine Figur, an der man Italien und Europa erklären kann. Er zeigte früh, wie Politik im Zeitalter des Fernsehens funktioniert: mit Personenkult, emotionaler Ansprache, Angriffen auf Gegner und der ständigen Vermischung von Unterhaltung und Macht. Vieles, was später in anderen Ländern als neuer Populismus beschrieben wurde, hatte Berlusconi bereits in den 1990er-Jahren vorgemacht.
Sein Vermächtnis ist deshalb widersprüchlich. Er modernisierte politische Kommunikation, aber schwächte das Vertrauen in Institutionen. Er baute Unternehmen, Medien und Fußballmacht auf, aber wurde selbst zum Symbol problematischer Interessenkonflikte. Er war für Millionen Italiener ein Versprechen von Erfolg — und für viele andere der Beweis dafür, wie gefährlich es wird, wenn wirtschaftliche, mediale und politische Macht in einer Person zusammenlaufen.
