Zum Tod von Michael Ende: Vom bettelarmen Autor zum weltbekannten Schöpfer von Phantásien

Einer, der es liebte zu erzählen, doch hasste, was die Filmindustrie aus seinen Geschichten machte.

Michael Ende 01 Michael Ende De Wikipedia
Auch wenn er lange kein Kinderbuchautor werden wollte, steckte all die Fantasie schon immer in ihn. | © michaelende.de / Wikipedia

Ein Junge namens Jim Knopf, ein Mädchen, das gegen Zeitdiebe kämpft, und ein kleines dickes Kind, das beim Lesen plötzlich selbst Teil einer unendlichen Geschichte wird: Michael Ende erschuf einige der bekanntesten Figuren der deutschen Literaturgeschichte.

Dabei hätte seine Karriere beinahe überhaupt nicht stattgefunden. Ende war zeitweise so pleite, dass er monatelang seine Miete nicht bezahlen konnte. Sein erstes großes Manuskript wurde von einem Verlag nach dem anderen abgelehnt. Rund um die Entstehung von Jim Knopf und Lukas der Lokomotivführer hält sich sogar die Geschichte, dass er sich das nötige Schreibpapier zusammensuchen beziehungsweise zusammenklauen musste.

Jahrzehnte später war Ende einer der erfolgreichsten deutschsprachigen Schriftsteller der Nachkriegszeit – und legte sich ausgerechnet wegen seines größten internationalen Erfolgs mit einer millionenschweren Filmproduktion an.

Am 28. August 1995 starb Michael Ende im Alter von 65 Jahren. Am heutigen 28. August 2026 jährt sich sein Tod zum 31. Mal. Seine Bücher wurden inzwischen in mehr als 53 Sprachen übersetzt und erreichten eine weltweite Auflage von über 35 Millionen Exemplaren.

Sein Vater durfte unter den Nazis seine Kunst nicht mehr zeigen

Michael Andreas Helmuth Ende wurde am 12. November 1929 in Garmisch geboren. Sein Vater Edgar Ende war Maler und schuf fantastische, teilweise surrealistische Bilderwelten. Diese sollten später großen Einfluss auf die Fantasie seines Sohnes haben.

Doch Michael Endes Kindheit wurde nicht nur von Kunst geprägt. Als die Nationalsozialisten an die Macht kamen, geriet sein Vater zunehmend unter Druck. Edgar Endes Kunst entsprach nicht den Vorstellungen des Regimes, seine Werke wurden als entartet eingestuft und er durfte sie zeitweise weder öffentlich zeigen noch verkaufen. Dadurch geriet auch die Familie finanziell in Schwierigkeiten.

Michael Ende wiederum hatte große Probleme mit der Schule. Später erzählte er, seine Lehrer hätten ihm teilweise das Gefühl vermittelt, nicht für das Leben geeignet zu sein. Figuren wie Bastian Balthasar Bux aus Die unendliche Geschichte, der sich zu Beginn selbst für schwach und unbedeutend hält, wirken vor diesem Hintergrund erstaunlich persönlich.

Widerstand statt Krieg mit 15

Eine der dramatischsten Geschichten seines Lebens ereignete sich kurz vor dem Ende des Zweiten Weltkriegs.

1945 wurden selbst sehr junge deutsche Jugendliche noch zum Militär eingezogen. Drei von Endes Schulkameraden kamen nach Angaben seiner offiziellen Biografie bereits an ihrem ersten Einsatztag ums Leben.

Auch der damals erst 15-jährige Michael Ende erhielt einen Einberufungsbefehl. Er zerriss ihn. Statt sich bei der Armee zu melden, machte sich Ende auf den Weg zurück zu seiner Mutter nach München. Das war keineswegs ungefährlich. Die deutsche Armee befand sich zwar bereits auf dem Rückzug, Deserteure wurden aber weiterhin verfolgt und teilweise hingerichtet.

Ende kam anschließend mit einer bayerischen Widerstandsgruppe in Kontakt und arbeitete als Kurier. Die Gruppe versuchte unter anderem zu verhindern, dass die SS München bis zum bitteren Ende verteidigte und dadurch weitere Menschenleben geopfert wurden.

Ende war zu diesem Zeitpunkt noch keine 16 Jahre alt.

Eigentlich wollte er gar kein Kinderbuchautor werden

Nach dem Krieg wollte Michael Ende zunächst zum Theater. Er besuchte die Otto-Falckenberg-Schule in München, arbeitete als Schauspieler und schrieb Stücke, Sketche und Texte für Kabaretts.

Besonders erfolgreich war er damit allerdings nicht. Ab 1954 arbeitete Ende zusätzlich als Filmkritiker für den Bayerischen Rundfunk. Das brachte etwas Geld ein, reichte aber lange nicht aus, um ihm ein sorgenfreies Leben zu ermöglichen.

Sein großer Traum war damals nicht, der berühmteste deutsche Kinderbuchautor seiner Generation zu werden. Ende wollte Dramatiker sein und fürs Theater schreiben.

Dann bat ihn ein früherer Schulfreund um einen Text für ein Bilderbuch.

Ende setzte sich an seine Schreibmaschine und begann mit der Idee einer sehr kleinen Insel namens Lummerland. Einen richtigen Plan hatte er nicht. Er wusste nach eigener Aussage beim ersten Satz noch nicht einmal, wie der zweite aussehen würde.

Aus dem geplanten kurzen Bilderbuchtext wurde irgendwann ein Manuskript von rund 500 Seiten. Jim Knopf und Lukas der Lokomotivführer war entstanden.

Rund zehn Monate hatte Ende an seinem Manuskript gearbeitet. Danach schickte er es an Verlage. Und bekam eine Absage. Dann noch eine. Und noch eine. Insgesamt zwölf Verlage lehnten das Manuskript ab. Das Buch sei unter anderem viel zu lang für Kinder.

Erst Lotte Weitbrecht vom Stuttgarter Thienemann Verlag erkannte das Potenzial der Geschichte. Das gewaltige Manuskript wurde auf zwei Bücher aufgeteilt. 1960 erschien zunächst Jim Knopf und Lukas der Lokomotivführer, 1962 folgte Jim Knopf und die Wilde 13.

Der erste Band sollte Endes Leben praktisch über Nacht verändern.

Am selben Tag sollte er seine Wohnung verlieren – und gewann 5.000 Mark

Die wahrscheinlich perfekteste Geschichte aus Michael Endes Karriere klingt fast, als hätte er sie selbst geschrieben. 1961 hatte er seit sieben Monaten keine Miete mehr bezahlt.

Eines Morgens erklärte ihm seine Vermieterin, dass sie deshalb gegen ihn vorgehen und das Mietverhältnis beenden wolle. Ende stand damit unmittelbar davor, seine Wohnung zu verlieren. Dann klingelte das Telefon. Am anderen Ende der Leitung erfuhr er, dass Jim Knopf und Lukas der Lokomotivführer den Deutschen Jugendbuchpreis gewonnen hatte.

Endes erste Reaktion war bemerkenswert pragmatisch: Er wollte wissen, was er dafür bekomme. Die Antwort: 5.000 Deutsche Mark.

Eine Summe, wie Ende später erzählte, die er bis dahin in seinem ganzen Leben noch nie auf einmal besessen hatte. Zusätzlich sorgte die Auszeichnung dafür, dass das Buch plötzlich überall in den Buchhandlungen sichtbar wurde.

Innerhalb kürzester Zeit änderte sich seine wirtschaftliche Situation komplett. Ende konnte seine Arbeit beim Rundfunk schließlich aufgeben und vom Schreiben leben.

Durchbruch Dank der Augsburger Puppenkiste

Zusätzlichen Schub bekam Jim Knopf durch die Augsburger Puppenkiste. Die Fernsehfassungen von Jim Knopf und Lukas der Lokomotivführer und Jim Knopf und die Wilde 13 machten Figuren wie Jim, Lukas, Emma, Frau Mahlzahn und Herrn Tur Tur einem Millionenpublikum bekannt.

Die Bücher verkauften sich plötzlich so schnell, dass der Verlag laut Endes offizieller Biografie mit den Neuauflagen kaum hinterherkam. Internationale Übersetzungen folgten.

Aus dem Autor, der kurz zuvor seine Miete nicht bezahlen konnte, war ein erfolgreicher Schriftsteller geworden.

Die grauen Herren

Nach Jim Knopf wollte Ende eigentlich wieder stärker fürs Theater schreiben. Doch sein größter Erfolg sollte weiterhin in fantastischen Geschichten liegen.

Anfang der 1970er-Jahre zog er gemeinsam mit seiner Frau, der Schauspielerin Ingeborg Hoffmann, nach Italien. In Genzano südlich von Rom lebten sie in einem Haus, das sie Villa Liocorno – Villa Einhorn – nannten.

In Italien entstand eines seiner bekanntesten Bücher.

1973 erschien Momo.

Im Mittelpunkt steht ein Mädchen, das sich den grauen Herren entgegenstellt. Diese überzeugen die Menschen davon, ständig Zeit sparen zu müssen – nur um ihnen diese gesparte Lebenszeit anschließend wegzunehmen.

Obwohl Momo häufig als Kinderbuch vermarktet wird, steckt dahinter eine ziemlich deutliche Kritik an einer Gesellschaft, in der Effizienz, Produktivität und wirtschaftliche Verwertbarkeit immer wichtiger werden. Ende selbst wehrte sich ohnehin dagegen, Literatur streng in Kinder- und Erwachsenenbücher aufzuteilen.

Momo wurde erneut ein riesiger Erfolg und erhielt 1974 den Deutschen Jugendbuchpreis.

Eine Kurzgeschichte wird zum Epos

Einige Jahre später begann Ende ein neues Projekt. Die Ausgangsidee war noch relativ überschaubar: Ein Junge liest ein Buch, gerät buchstäblich in dessen Geschichte hinein und findet nur schwer wieder heraus.

Ende glaubte anfangs nicht, dass daraus besonders viel werden würde. Gegenüber seinem Verlag stellte er ein vergleichsweise kurzes Buch in Aussicht.

Dann passierte etwas, das typisch für seine Arbeitsweise war. Die Geschichte weigerte sich, sich an den Plan zu halten.

Ende schrieb, verwarf große Mengen und begann teilweise erneut. Später erzählte er, dass ungefähr vier Fünftel dessen, was er während der Arbeit geschrieben hatte, wieder im Papierkorb landeten.

Vor allem Bastian Balthasar Bux bereitete seinem Erfinder Probleme. Ende erklärte seinem Verlag sinngemäß, Bastian weigere sich schlicht, aus Phantásien zurückzukommen – also könne er das Buch noch nicht abgeben.

1979 erschien schließlich Die unendliche Geschichte.

Das aufwendig gestaltete Buch entwickelte sich zu einem internationalen Bestseller. Die Handlung um Bastian, Atréju, die Kindliche Kaiserin, Fuchur und das vom Nichts bedrohte Phantásien wurde zum wohl bekanntesten Werk Endes. Und damit entstand zwangsläufig Interesse an einer Verfilmung. Ende war davon anfangs keineswegs grundsätzlich abgeneigt.

Produzent Dieter Geissler überzeugte ihn mit der Vorstellung, eine Adaption zu schaffen, die sich bewusst vom typischen Hollywood-Kino unterscheiden sollte. Ende gab deshalb die Verfilmungsrechte frei.

Doch das Projekt wurde immer größer. Bernd Eichinger stieg ein, Wolfgang Petersen übernahm schließlich die Regie und aus der geplanten Literaturverfilmung wurde eine internationale Großproduktion. Und Michael Ende gefiel immer weniger, was mit seinem Buch passierte.

Michael Ende erklärte der Verfilmung den Krieg

Der Konflikt eskalierte endgültig, als Ende sah, was aus seiner Geschichte geworden war.

Die unendliche Geschichte unter der Regie von Wolfgang Petersen war damals mit enormem Aufwand produziert worden und sollte gezielt auch ein internationales Publikum erreichen.

Für viele Zuschauer wurde der Film später zu einem Kultklassiker. Michael Ende hasste ihn.

Bei einer privaten Vorführung der fertigen Fassung kurz vor der Premiere war er nach Angaben seiner offiziellen Biografie entsetzt. Er warf dem Film vor, die philosophische und innere Logik seines Romans auf ein oberflächliches Fantasy-Spektakel reduziert zu haben.

Besonders berühmt wurde seine Beschreibung des Films als ein gigantisches Melodram aus Kitsch, Kommerz, Plüsch und Plastik. Ende verlangte schließlich, seinen Namen aus dem Vorspann zu entfernen und bestimmte Szenen zu ändern beziehungsweise herauszuschneiden.

Als die Produzenten nicht darauf eingingen, wurde der Streit juristisch. Michael Ende und der Thienemann Verlag klagten gegen die Neue Constantin. Sie verloren.

Die unendliche Geschichte startete am 6. April 1984 mit einer gewaltigen Werbekampagne in den deutschen Kinos und wurde international ein großer Erfolg. Endes Name wurde zwar aus dem Vorspann entfernt, vollständig verhindern konnte er die Verbindung seines Romans mit dem Film jedoch nicht.

Der Rechtsstreit wurde für ihn sogar finanziell bitter. Ende erklärte später, der verlorene Prozess habe ihn mehr Geld gekostet, als er ursprünglich für die Filmrechte erhalten hatte.

Japan wurde zu seiner zweiten großen kulturellen Heimat

Eine wichtige Rolle in Endes späterem Leben spielte Japan. Seine Werke waren dort ausgesprochen erfolgreich und Ende beschäftigte sich intensiv mit japanischer Kultur, Literatur und Theatertradition. Über diese Verbindung lernte er auch Mariko Satō kennen. Sie arbeitete an japanischen Übersetzungen seiner Werke und wurde zunächst eine enge Freundin und kreative Partnerin.

Nachdem Endes erste Frau Ingeborg Hoffmann 1985 überraschend gestorben war, kehrte Ende nach Deutschland zurück. 1989 heiratete er Mariko Satō. Sie blieben bis zu seinem Tod zusammen.

Auch kurz vor seinem Tod schrieb Michael Ende weiter

1994 wurde bei Ende Krebs diagnostiziert. Er wurde in München operiert und unterzog sich anschließend einer Chemotherapie. Dennoch arbeitete er weiter und begann unter anderem ein neues Libretto. Die Krankheit war jedoch nicht mehr heilbar.

Am 28. August 1995 starb Michael Ende um 19:10 Uhr in einer Klinik bei Stuttgart. Er war 65 Jahre alt. Beigesetzt wurde er auf dem Münchner Waldfriedhof.

Sein Grabmal sieht passend zu seinem Leben wie ein großes geöffnetes Buch aus, aus dem fantastische Figuren hervortreten.

31 Jahre später ist Phantásien noch immer nicht verschwunden

Michael Ende wurde zu Lebzeiten von Teilen der deutschen Literaturkritik lange nicht besonders ernst genommen. Ihm wurde Eskapismus vorgeworfen. Fantastische Geschichten galten vielen Kritikern als Flucht vor der Wirklichkeit und Kinderliteratur ohnehin als weniger bedeutend als sogenannte Erwachsenenliteratur.

Ende sah das praktisch genau andersherum.

Für ihn war Fantasie keine Flucht aus der Realität. Sie war ein Werkzeug, um Realität überhaupt anders betrachten zu können.

Vielleicht funktionieren seine Geschichten deshalb noch immer. Die grauen Herren aus Momo lassen sich heute problemlos als Bild für eine Welt lesen, in der jede Minute produktiv genutzt werden soll. Herr Tur Tur aus Jim Knopf und Lukas der Lokomotivführer ist buchstäblich ein Scheinriese, dessen Bedrohlichkeit verschwindet, sobald man ihm näherkommt. Und in Die unendliche Geschichte wird eine Fantasiewelt von einem Nichts verschlungen, das dort entsteht, wo Menschen ihre Fähigkeit zu träumen verlieren.

Auch seine Werke selbst verschwinden nicht. Jim Knopf wurde für Kino und Fernsehen immer wieder neu adaptiert, Momo erhielt 2025 eine weitere große Kinofassung und für Die unendliche Geschichte wurden 2024 sogar Pläne für eine komplett neue Reihe von Realfilmen bekannt gegeben.

Für einen Mann, dessen erstes großes Manuskript zwölf Verlage nicht haben wollten, ist das eine bemerkenswerte Entwicklung.

Und vielleicht ist die beste Geschichte über Michael Ende deshalb nicht einmal die mit Hollywood, dem Widerstand oder den sieben Monaten Mietschulden.

Sondern die Tatsache, dass ein fast mittelloser Autor irgendwann einen ersten Satz über eine winzige Insel in seine Schreibmaschine tippte, ohne zu wissen, wie der zweite Satz lauten sollte.

Mehr als sechs Jahrzehnte später fahren Jim und Lukas immer noch mit Emma durch Lummerland, Momo kämpft noch immer gegen die grauen Herren und Fuchur fliegt weiterhin über Phantásien.

Die Geschichte hatte tatsächlich noch lange kein Ende.

Daniel Fersch

Daniel schreibt über so ziemliches alles, was mit Games, Serien oder Filmen und (leider) auch fragwürdigen Streamern zu tun hat – insbesondere, wenn es dabei um Nintendo, Dragon Ball, Pokémon oder Marvel geht....