Yves Saint Laurent: Der Designer, der Mode politisch machte und wegen 20 Tagen Krieg entlassen wurde

Er zeichnete schon als Kind Kleider und wurde einer der bedeutendsten Modeschöpfer aller Zeiten.

Yves Saint Laurent 01 Wikipedia
Für den Designer war Mode immer auch ein Weg des politischen Ausdrucks. | © Wikipedia

Heute, am 1. Juni 2026, jährt sich der Tod von Yves Saint Laurent zum 18. Mal. Der französische Modeschöpfer starb am 1. Juni 2008 in Paris im Alter von 71 Jahren. Seine Beerdigung in der Église Saint-Roch wurde damals von zahlreichen Persönlichkeiten aus Politik und Kultur begleitet, darunter Frankreichs damaliger Präsident Nicolas Sarkozy.

Für viele war Saint Laurent nicht nur ein Designer, sondern einer der letzten großen Couturiers des 20. Jahrhunderts – und zugleich einer der ersten, die Mode als modernes, globales Kulturphänomen verstanden.

Der kindliche Wunsch zu gestalten

Geboren wurde Yves Henri Donat Mathieu Saint Laurent am 1. August 1936 in Oran, im damaligen Französisch-Algerien. Schon als Kind zeichnete er Kleider, entwarf kleine Bühnenwelten und entwickelte ein Gespür für Stoffe, Silhouetten und Inszenierung. Mit 17 Jahren kam er nach Paris, wo seine Skizzen dem damaligen Chefredakteur der französischen Vogue, Michel de Brunhoff, auffielen.

Kurz darauf landete er bei Christian Dior – zunächst als Assistent, dann als designierter Nachfolger. Als Dior 1957 überraschend starb, wurde Saint Laurent mit nur 21 Jahren künstlerischer Leiter des Hauses.

Sein Debüt bei Dior wurde zum Triumph. Die Trapez-Linie von 1958 machte ihn über Nacht zum Wunderkind der Pariser Haute Couture. Doch Saint Laurent war kein Designer, der nur die elegante Welt der 1950er weiterführen wollte. Zwischen 1958 und 1960 entwarf er sechs Kollektionen für Dior und begann, sich von der bürgerlichen Strenge der Nachkriegszeit zu lösen.

Er wollte Kleidung für eine jüngere Generation schaffen – weniger steif, weniger angepasst, moderner. Seine letzte Dior-Kollektion wurde deutlich dunkler, rebellischer und mit Lederjacken sowie Rollkragenpullovern provokanter als das, was viele Dior-Kundinnen damals erwarteten.

Wegen 20 Tagen Militärdienst entlassen

Der Bruch kam 1960. Während sich der Algerienkrieg zuspitzte, wurde Saint Laurent zum Militärdienst eingezogen. Nach kurzer Zeit erlitt er eine schwere psychische Krise und wurde ins Militärkrankenhaus Val-de-Grâce eingeliefert. Die oft erzählte und bis heute prägende Episode: Nach rund 20 Tagen im Militärdienst war seine Karriere bei Dior faktisch beendet. Das Haus Dior entließ ihn und ersetzte ihn durch Marc Bohan.

Für Saint Laurent war das ein traumatischer Einschnitt – persönlich, gesundheitlich und beruflich. Doch aus diesem Absturz entstand der Neuanfang. Gemeinsam mit seinem Lebens- und Geschäftspartner Pierre Bergé gründete er Anfang der 1960er Jahre sein eigenes Modehaus. 1962 präsentierte Yves Saint Laurent seine erste eigene Kollektion. Was folgte, war keine zweite Dior-Karriere, sondern eine Revolution unter eigenem Namen.

Der Designer, der Frauen Macht verlieh

Saint Laurent gab Frauen Kleidungsstücke, die bis dahin als männlich gelesen wurden: Hosenanzüge, Safari-Jacken, Trenchcoats, Cabanjacken und vor allem den Smoking für Frauen. Mit Le Smoking machte er 1966 ein Kleidungsstück zum Symbol weiblicher Selbstbestimmung.

Es ging nicht nur um Ästhetik, sondern um Macht: Frauen sollten nicht dekorativ aussehen müssen, sondern souverän, selbstbestimmt und modern. Seine Mode griff gesellschaftliche Veränderungen auf – und beschleunigte sie zugleich.

Auch deshalb war Saint Laurents Arbeit politisch. Nicht im Sinne plakativer Parolen, sondern durch Formen, Körperbilder und Rollenbilder. Er löste Frauen aus engen modischen Erwartungen, ließ sie in Kleidung auftreten, die Autorität ausstrahlte, und stellte klassische Vorstellungen von Weiblichkeit infrage.

Der Guardian beschrieb seine Wirkung als Befreiung von den Geschlechterklischees der 1950er Jahre und verwies auch darauf, dass Saint Laurent früh schwarze und asiatische Models in seinen Shows einsetzte – ein wichtiger Schritt in einer Branche, die lange extrem exklusiv und weiß geprägt war.

Die Mode und der Kampf gegen Aids

Sein soziales und politisches Engagement ging aber über den Laufsteg hinaus. Gemeinsam mit Pierre Bergé unterstützte Saint Laurent linke politische Anliegen, antirassistische Bewegungen, Aids-Hilfen und kulturelle Projekte. In den 1980er Jahren sollen beide erhebliche Summen in solche Initiativen gegeben haben.

Besonders der Kampf gegen Aids wurde für ihr Umfeld zentral: Bergé gründete 1985 Arcat Sida, später entstand mit Line Renaud Ensemble contre le SIDA, das später zu Sidaction wurde und Forschung sowie Unterstützung für Erkrankte finanzierte.

Saint Laurent war dabei nie der laute Aktivist im klassischen Sinn. Er war scheu, verletzlich, oft zurückgezogen. Aber seine Arbeit und sein Umfeld waren eng mit den sozialen Kämpfen seiner Zeit verbunden: Frauenemanzipation, queere Sichtbarkeit, Antirassismus, Aids-Aktivismus, Kunstförderung.

Seine Beziehung zu Pierre Bergé war dabei nicht nur privat entscheidend, sondern auch institutionell: Bergé führte das Unternehmen über Jahrzehnte, schützte Saint Laurent vor der geschäftlichen Härte der Modeindustrie und machte aus dessen Namen eine Marke von Weltrang.

Rückzug und Ruhe

2002 zog sich Saint Laurent aus der Haute Couture zurück. Im selben Jahr wurde die Fondation Pierre Bergé – Yves Saint Laurent gegründet, um sein Werk zu bewahren und öffentlich zugänglich zu machen. Die Fondation verfolgt bis heute das Ziel, Haute-Couture- und Prêt-à-porter-Entwürfe, Skizzen, Dokumente und weitere Zeugnisse seines Schaffens zu konservieren, Ausstellungen zu organisieren und kulturelle Projekte zu unterstützen.

Ein weiterer Ort seines Lebenswerks liegt in Marrakesch. Saint Laurent und Bergé retteten 1980 den Jardin Majorelle vor der Zerstörung. Der Garten wurde zu einem Rückzugsort, einer Inspirationsquelle und später zu einem zentralen Erinnerungsort. Nach Saint Laurents Tod wurden seine Asche und sein Vermächtnis eng mit Marrakesch verbunden – jener Stadt, in der er Farbe, Licht und Freiheit fand.

18 Jahre nach seinem Tod bleibt Yves Saint Laurent eine Ausnahmefigur. Er war ein Wunderkind, ein verletzlicher Künstler, ein Unternehmer wider Willen, ein politischer Gestalter durch Stoff und Schnitt.

Sein Leben war geprägt von Glanz und Zusammenbruch, von radikaler Kreativität und persönlicher Dunkelheit. Doch sein größtes Vermächtnis ist bis heute sichtbar: Er veränderte nicht nur, was Menschen trugen. Er veränderte, was Kleidung bedeuten konnte.

Daniel Fersch

Daniel schreibt über so ziemliches alles, was mit Games, Serien oder Filmen und (leider) auch fragwürdigen Streamern zu tun hat – insbesondere, wenn es dabei um Nintendo, Dragon Ball, Pokémon oder Marvel geht....