Am Gesamteindruck ändert sich vielleicht wenig, doch die Richtigstellung der Details ist dennoch wichtig.
Der US-amerikanischen IRL-Streamer Ramsey Khalid Ismael – besser unter seinem Internet-Pseudonym Johnny Somali – treibt inzwischen seit über einem Jahr in Südkorea sein Unwesen.
Für ein wenig Aufmerksamkeit ruinierte er nicht nur sein eigenes Leben, er machte auch das unschuldiger Passanten zur Hölle. Er zeigte sich respektlos gegenüber der südkoreanischen Kultur, sorgte im öffentlichen Bereich für einiges an Unruhe und belästigte mehrere Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene sexuell.
Somali und "sein" Anwalt
Das Internet weltweit verfolgte, wie Somali von den südkoreanischen Behörden aufgegriffen und vor Gericht gezerrt wurde – wo er unter anderem Donald Trump anflehte, ihn zu retten oder von sich selbst als “Wiedergeburt von Epstein” sprach.
Eine wichtige Informationsquelle für die westlichen Teile des Netz war bisher unter anderem der us-amerikanische Anwalt Andrew Esquire, der nicht nur selbst in Asien lebt sondern viele Fälle rund um Influencer verfolgt und rechtlich einordnet. So verfolgt und kritisiert er auch Johnny Somalis Verhalten und die rechtlichen Konsequenzen immer wieder.
Damit sind Esquire und sein YouTube-Kanal LegalMindset maßgeblich an der Einschätzung des Somali-Falles beteiligt, nicht nur was die Taten selbst angeht, sondern auch das Verfahren, die Arbeit der südkoreanischen Gerichte so wie der potenziellen Strafe, die Somali erwarten könnte.
Reddit-User kritisiert LegalMindset
Kürzlich äußerte sich auf Reddit ein User, der behauptet, dass viele Punkte in den Videos von Esquire nur bedingt richtig oder gar gänzlich erfunden sind und betont, dass das Internet den Somali-Fall in einigen Bereichen neu und vor allem unabhängig einschätzen muss.
Der Reddit-User erklärt, dass er "leider erhebliche Erfahrung mit koreanischen Gerichten" habe und genau wie Somali selbst gemäß des "Special Act on Sexual Violence Crimes" angeklagt wurde – sich aber erfolgreich dagegen verteidigt hätte. Insofern habe er sich entsprechend mit derartigen Fällen und dem südkoreanischen Gericht im Allgemeinen beschäftigt.
In seinem Reddit Post schreibt er:
Im Moment scheint sich jeder auf den Internetkommentator „Legalmindset“ zu beziehen. Meiner Meinung nach verbreitet er jedoch erhebliche Fehlinformationen. Außerdem glaube ich, dass er kein Verständnis davon hat, wie das koreanische Rechtssystem funktioniert.
Erfundene Zitate?
Zu den Kritikpunkten des anonymen Redditors zählt, dass Esquire in einem seiner letzten Videos zur Somali-Anhörung behauptete, Somali habe ein juristisches "Schlussplädoyer" gehalten. Laut dem Schreiber werden Schlussplädoyers jedoch vollständig auf Koreanisch vom Verteidiger vorgetragen. Der einzige Moment, in dem der Angeklagte selbst spricht, sei das sogenannte “letzte Wort”. Dabei handelt es sich ausschließlich um eine formale Gelegenheit, dem Richter eine vorbereitete, reumütige Entschuldigung vorzulegen, um auf Milde zu hoffen.
Dass Somali hier also eine lange, arrogante Tirade gehalten haben soll, ignoriert die Realität südkoreanischer Gerichte und scheint laut dem Redditor von Esquire nur erdacht, um seinem Video mehr Shockvalue zu verleihen. Da bei ausländischen Angeklagten eine konsekutive Übersetzung erforderlich ist, muss der Angeklagte nach ein oder zwei Sätzen pausieren, damit der Dolmetscher ins Koreanische übersetzen kann. Dieser Ablauf mache eine dramatische Dauer-Tirade wie Esquire sie beschrieb praktisch unmöglich.
Außerdem ist es üblich, dass Angeklagte ihren Text (für die abschließende Bitte um Milde) von einem vorübersetzten Skript ablesen, um Genauigkeit zu gewährleisten. Dieses Skript liegt oft sowohl dem Richter als auch dem Dolmetscher vor, damit Inhalt und Übersetzung korrekt sind.
Der Redditor gibt aber auch zu bedenken, dass selbst wenn Somali eine solche Rede vor Gericht gehalten hätte, Esquire diese niemals – und vor allem nicht wörtlich – wiedergeben könnte. Er schreibt:
Da Südkorea Audio- oder Videoaufnahmen in Gerichtssälen strikt verbietet, gibt es keine offiziellen öffentlichen Transkripte. Die dramatischen Zitate sowie Beschreibungen des Verhaltens oder Auftretens des Richters, die online kursieren, sind daher keine wörtlichen Wiedergaben. Sie sind entweder erfunden oder stammen von jemandem aus dem Publikum, der sich Notizen gemacht und diese an LegalMindset weitergegeben hat.
Keine Zwangsarbeit und kein Straftäter-Register
Auch zwei Punkte hinsichtlich der Somali drohenden Strafe sind in den Augen des Redditors (wissentlich oder nicht) falsch wiedergegeben worden.
So sei seine Interpretation des Begriffs der Zwangsarbeit eine andere, als die vom Gericht vorgesehene, die eher als “Freiheitsstrafe imit Arbeit” – also eine normale Form der Haft – übersetzt werden kann
Auch die Darstellung des Sexualstraftäter-Registers sei laut ihm falsch:
Die Behauptungen, (Somali) solle in ein öffentliches Sexualstraftäterregister aufgenommen werden, beruhen auf einem Missverständnis des südkoreanischen Rechts. Tatsächlich handelt es sich um eine standardmäßige staatsanwaltschaftliche Forderung, ihn in eine vertrauliche Datenbank einzutragen, die nur der Polizei zugänglich ist. Diese ist nicht öffentlich, und die Betroffenen müssen sich lediglich einmal jährlich bei ihrer lokalen Polizeistation melden. Das wird fälschlicherweise als ein US-ähnliches öffentliches Register dargestellt.
Der Redditor betont, dass er keine guten Stücke auf Johnny Somali hält, die Einordnung aber dennoch für relevant hält:
Ich halte Johnny Somali für ein Stück Müll. Trotzdem braucht der Unsinn, der überall im Internet kursiert und Legalmindset zugeschrieben wird, dringend etwas Kontext.
Auf den Prozess selbst haben Esquires Aussagen natürlich keine direkten Auswirkungen, auf die Sicht der Öffentlichkeit auf den Ausgang jedoch schon. Dabei geht es nicht nur um die eventuellen Erwartungen der Gesellschaft und die Enttäuschung die aufkommen könnte, wenn Somali eben nicht die Strafe erwartet, von welcher sie zunächst ausgegangen waren, aber auch ein Bewusstsein dafür, dass das Justizsystem Südkoreas in einigen Punkten anders ist, als das in den US oder Deutschland. Nur dann könnte Südkorea auch wirklich ein Exempel an Somali statuieren.