Erneut scheint es Piker wichtiger zu sein, Recht zu behalten, als eine Situation neutral einzuschätzen.
Die jüngsten Entwicklungen in Venezuela sorgen zwar bei vielen Bewohnern des Landes für Freude, aber auch Unruhe auf der ganzen Welt. Der Sturz des langjährigen Machthabers Nicolás Maduro durch eine US-geführte Intervention wird je nach Perspektive als Befreiung, als völkerrechtswidriger Akt oder als gefährlicher Präzedenzfall gesehen. Kaum ein Ereignis macht deutlicher, wie komplex geopolitische Bewertungen sein können – und wie problematisch es ist, wenn Einzelne für sich beanspruchen, diese Komplexität abschließend zu deuten. Genau hier entzündet sich die Kritik an Hasan Piker.
Imperialismuskritik als moralischer Rahmen
Piker, der vor kurzem in den Fokus geraten war, als Vorwürfe aufkamen, er würde seine Hündin mit einem Schockhalsband quälen, argumentiert seit Jahren konsequent aus einer stark anti-imperialistischen Perspektive. Auch im Fall Venezuelas liegt sein Fokus weniger auf Maduro selbst als auf der Rolle der USA, deren Eingreifen er als Ausdruck geopolitischer Machtpolitik versteht. Die Motive der US-Regierung – insbesondere unter Donald Trump – stellt er grundsätzlich infrage und ordnet sie in ein größeres Muster westlicher Interventionen ein, die selten den betroffenen Gesellschaften, dafür häufig strategischen oder wirtschaftlichen Interessen dienen.
Diese Kritik ist nicht per se falsch. Sie ist wichtig, legitim und notwendig, um simplen "Befreiungsnarrativen" entgegenzutreten. Das Problem liegt weniger im Was seiner Analyse als im Wie.
HasanAbi – so der Internetname Pikers – fällt immer wieder mit Statements auf, die wenn überhaupt, nur mit Vorsicht zu genießen sind. Eine israelische Streamerin bezeichnete er als "legitimes Militärziel" seine Hochachtung für China und dessen Regierung aufgrund seiner Vorliebe für den Kommunismus stellt er immer wieder öffentlich zur Schau und ignoriert dabei auch, dass Seitens China seine Streams eingeschränkt wurden, weil dort von chinesischen Bürgern westliche Medien hätten konsumiert werden können.
Pikers Sichtweisen sind meist auf sehr schlichte Punkte heruntergebrochen: Israel ist immer böse, Trump ist immer böse, antiimperialistische Haltungen sind immer richtig, unabhängig von der Einzelsituation und auch ungeachtet dessen, was betroffene sagen.
Die Perspektive der Betroffenen – und ihre Abwertung
Denn auch ein entscheidender Aspekt der Venezuela-Debatte wird in Pikers Darstellung oft ausgeblendet behandelt: die Tatsache, dass viele VenezolanerInnen den Sturz Maduros begrüßen. Nach Jahren wirtschaftlicher Katastrophe, politischer Repression und gesellschaftlicher Erosion empfinden zahlreiche Menschen nicht Trauer oder Angst, sondern Erleichterung. Diese Freude bedeutet nicht automatisch Zustimmung zu US-Interventionismus – sie ist vielmehr Ausdruck eines tiefen Leidens unter dem bisherigen Regime.
Genau hier entsteht der Vorwurf der Bevormundung. Wenn Piker Reaktionen von VenezolanerInnen, die den Machtwechsel positiv sehen, reflexhaft als "naiv", "kurzsichtig" oder vom Imperialismus fehlgeleitet einordnet, verschiebt sich die Debatte. Aus Analyse wird Belehrung. Aus Solidarität wird Distanz.
Maduros Gefangennahme ist kein Grund zum Feiern.
Stellt er klar und bezeichnet alle, die dies anders sehen als "ahnungslos". Die den Sturz begrüßenden BewohnerInnen des Landes werden dabei ausgeblendet, die entsprechenden Szenen als gestellt bezeichnet oder von Piker behauptet, dass diese Menschen gar nicht wüssten, was sie da tun.
Der Anspruch auf Deutungshoheit
Kritisch ist vor allem, dass Piker in solchen Momenten implizit für sich beansprucht, die Lage besser zu verstehen als jene, die sie unmittelbar erleben. Seine strukturelle Analyse wird zum Maßstab, an dem individuelle Erfahrungen gemessen – und oft abgewertet – werden. Wer jubelt, passt nicht ins Narrativ. Wer Hoffnung äußert, gilt als politisch unreif.
Das ist besonders problematisch bei einem Thema, das sich nicht auf eine moralische Achse reduzieren lässt. Man kann Trumps Motive hinterfragen, die völkerrechtlichen Konsequenzen kritisieren und dennoch anerkennen, dass der Sturz Maduros für viele Venezolaner ein Moment realer Hoffnung ist. Diese Ambivalenz auszuhalten, wäre die eigentliche Herausforderung.
Politische KommentatorInnen mit großer Reichweite tragen Verantwortung. Sie prägen nicht nur Meinungen, sondern auch die Grenzen des Sagbaren. Wenn Analyse zur Deutungshoheit wird, verliert der Diskurs an Offenheit. Gerade bei internationalen Krisen braucht es weniger Gewissheit und mehr Zuhören – weniger moralische Überlegenheit und mehr Anerkennung widersprüchlicher Realitäten.
Hasan Pikers Kritik am Interventionismus bleibt ein wichtiger Beitrag. Doch dort, wo sie andere Stimmen übertönt oder delegitimiert, läuft sie Gefahr, selbst das zu reproduzieren, was sie eigentlich kritisieren will: Macht über Deutung, statt Raum für Vielfalt.